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IV-Renten: Fast die Hälfte psychische Gründe

Psychische Krankheiten verursachen der Schweizer Wirtschaft nach Angaben der OECD Kosten von rund 20 Milliarden Franken pro Jahr, nämlich über drei Prozent des Bruttoinlandprodukts von 635,3 Milliarden Franken (2013) oder gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) gut 2500 Franken je Einwohner (Bruttoinlandprodukt je Einwohner 2013: 78‘539 Franken).

Von rund 230‘000 im Inland ausgerichteten IV-Renten sind 102‘000 auf ein psychisches Leiden zurückzuführen. Während insgesamt gut die Hälfte aller Neurenten psychische Gründe haben, sind es in der Altersgruppe der 18- bis 24jährigen 70 bis 80 Prozent.

 

Dass inzwischen fast die Hälfte der IV-Renten eine psychische Krankheit als Hintergrund haben, mag auch mit der verbreiterten Diagnostik zusammenhängen: Mitte des 20. Jahrhunderts kannte die Psychiatrie 100 Krankheiten, heute sind es 400.


Für IV-Renten gibt es vier Rentenanspruchsstufen: bis 40 % Invaliditätsgrad Viertel-Rente, mindestens 50 % halbe Rente, mindestens 60 % Dreiviertel-Rente und mindestens 70 % ganze Rente. Die Minimalrente für Einzelpersonen beträgt 1175 Franken, die Maximalrente 2350 Franken (beide Ansätze wie bei der AHV-Rente).

 

Marie Baumann vom ivinfo-Blog (Notizen zur Schweizerischen Invalidenversicherung, Behinderung & Gesellschaft) schreibt zu diesem faktuell.ch-Beitrag: "Fakten sind auch Folgende: Die Prävalenz von psychischen Krankheiten in der Bevölkerung hat nicht zugenommen, nur die psychiatrische Diagnostik ist (wie in allen anderen medizinischen Fachgebieten auch) präziser geworden. Dass heute mehr Menschen aus psychischen Gründen eine IV-Rente benötigen, hängt allerdings nicht (alleine) damit  zusammen, dass psychische Erkrankungen früher vielleicht ab und zu als 'Rückenschmerzen' o.ä. (fehl)diagnostiziert wurden, sondern auch damit, dass sich seit 1960 zum einen der Anteil der im 3. Wirtschaftssektor Tätigen massiv verändert hat. In vielen Berufen des 3. Sektors wirkt sich eine psychische Beeinträchtigung (mit Symptomen wie z.B. Konzentrationsstörungen oder mangelnde Sozialkompetenzen) wesentlich 'behindernder' aus, als beispielsweise eine Querschnittlähmung.

Diese Fakten sind nicht ganz unwichtig, wenn es darum gehen soll, die Situation zu verstehen - und auf dem Verständnis aufbauend - Lösungen zu entwickeln."

 

In der Schweiz leidet bis zu einem Drittel der Bevölkerung im Laufe eines Jahres an einer psychischen Erkrankung. Etwa die Hälfte der Betroffenen lässt sich professionell helfen. Die Kosten für Psychiatrie-Leistungen zulasten der obligatorischen Krankenversicherung sind innerhalb von zehn Jahren von 1,2 auf 1,9 Milliarden Franken gestiegen. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Behandlungen in Tageskliniken und psychiatrischen Ambulatorien beinahe verdoppelt.  Jährlich werden in diesen Einrichtungen rund 120'000 Patienten betreut. Weiter heisst es in einem Bericht des Bundesrates vom März 2016, dass auch die Zahl der Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken gestiegen ist, aber die Patienten weniger lang bleiben.