"Was in der Sozialhilfe Standard ist, entscheidet der Zeitgeist."

faktuell.ch-Gespräch mit Anton Pfleger, seit rund 15 Jahren Leiter des Sozialamtes des Kantons Obwalden

 

faktuell.ch: Herr Pfleger, Obwalden hat knapp 37‘000 Einwohner, fast dreimal weniger als allein das grosse Stadtzürcher Vorort-Quartier Schwamendingen. Was unterscheidet Ihre Arbeit von jener der Kollegen im „Millionen-Zürich“?

 

Anton Pfleger: Das ganze Sozialwesen – Sozialhilfe, Kinder- und Erwachsenenschutz, Opferhilfe etc. – läuft hier über wenige Abteilungen. Die Wege zu einzelnen Fachstellen sind kurz, und man kennt sich. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit funktioniert sehr gut.

 

faktuell.ch: Aber die Probleme, die Ihr Sozialamt hat, sind grundsätzlich die gleichen wie in grösseren Verhältnissen?

 

Anton Pfleger: In der Stadt werden die Probleme rascher sichtbar. Das hat mit Statistik, mit der Menge zu tun. Einzelpersonen mit der gleichen Problematik fallen bei uns weniger schnell auf als in der Stadt.

 

faktuell.ch: Was lernen Sie daraus?

 

Anton Pfleger: Städtische Verhältnisse sind für uns ein wichtiger Indikator, um zu sehen, welche Schwierigkeiten uns erwarten, aber auch, welche bereits vorgelebten Lösungen auf unsere Zusammenarbeit, auf unsere Vernetzung übertragen werden können.

 

faktuell.ch: Hemmt die Sozialkontrolle in Obwalden den Gang zur Sozialhilfe trotzdem mehr als in der Grossstadt?

 

Anton Pfleger: Bei jenen, die hier aufgewachsen und vernetzt sind, ist die Hemmschwelle tendenziell höher, sich bei uns zu melden

 

faktuell.ch: Trifft dies bei der jungen Generation, die alles lockerer nimmt, auch noch zu?

 

Anton Pfleger: Ich finde nicht, dass die Jungen heute unbedachter sagen: Ich will Geld vom Staat.

 

faktuell.ch: Etwas konkreter, bitte.

 

Anton Pfleger: Die Gefahr, dass Kinder von Eltern, die bereits Sozialhilfe bezogen und deren Perspektivlosigkeit erlebt haben, auch Sozialhilfe benötigen, ist gewiss grösser.

 

faktuell.ch: Was unternehmen Sie, um Junge aus prekären Familienverhältnissen im Sinne der Chancengleichheit zu fördern, damit sie nicht früher oder später bei Ihrem Amt anklopfen?

 

Anton Pfleger: Wichtig ist Früherkennung. Wir haben 2015 ein Projekt mit 22 Familien gestartet, die Sozialhilfe beziehen oder knapp über dem sozialen Existenzminimum leben. Es sind Schweizer, Ausländer oder Flüchtlinge mit Kindern. Von uns geschulte Frauen besuchen diese Familien und leisten eine ganz elementare Unterstützung wie etwa die Eltern anzuleiten sich mit den Kindern konstruktiv zu beschäftigen. Die 22 Familien treffen sich auch in Gruppen und profitieren gegenseitig aus ihren Erfahrungen. Das hilft auch der Integration.

 

faktuell.ch: Wie funktioniert der Austausch zwischen den Behörden im Kleinkanton?

 

Anton Pfleger: Wir haben den grossen Vorteil von nahen und schnellen Wegen. Man kennt sich. Die Zusammenarbeit ist optimal und der Datenschutz ist eminent wichtig...

 

faktuell.ch: …was heisst?

 

Anton Pfleger: Wie auch in jedem andern Kanton kann ich nicht einfach den Kollegen von der Polizei anrufen, um ihn auf einen heiklen Fall aufmerksam zu machen. Er müsste bei einem Vorfall in Richtung Offizialdelikt von sich aus aktiv werden.

 

faktuell.ch: Wo erweisen sich die Vorzüge des Kleinkantons als besonders hilfreich?

 

Anton Pfleger: Etwa im Fall von häuslicher Gewalt, die wir öffentlich thematisiert haben. Wir haben vor zwölf Jahren einen runden Tisch zum Thema Gewalt gegründet, an dem Sozialamt, Vormundschaft (heute Kesb), Gericht, Staatsanwaltschaft, Polizei und Opferhilfe vertreten sind. Wir haben Zuständigkeiten und Abläufe vereinbart, wissen, wer generell welche Aufgabe zu übernehmen hat. So etwas geht bei uns einfach schneller als in einem grossen Kanton.

 

faktuell.ch: Im modernen Sozialstaat wird das von der Verfassung garantierte Anrecht auf ein Existenzminimum grosszügig interpretiert, manche meinen zu grosszügig. Was gehört für Sie heute zum Standard für Sozialhilfebezüger?

 

Anton Pfleger: Was in der Sozialhilfe Standard ist, entscheidet der Zeitgeist. Heute ist zum Beispiel ein Handy Standard, weil die meisten gar keinen Festanschluss mehr haben. Wenn sich jemand um eine Stelle bewirbt, dann muss er erreichbar sein…

 

faktuell.ch: …und wie halten Sie es mit Autos?

 

Anton Pfleger: Wenn jemand das Auto für die Arbeit braucht, dann liegt es auf der Hand, dass er das Auto behalten kann. Die Frage ist der Jahrgang, der Kaufwert und die Marke. Ein Jaguar ist natürlich stossend, selbst wenn er als Occasion nicht mehr kosten würde als ein günstiger Mittelklassewagen. Bei uns würde ein solcher Fall wie in Zürich sofort die Runde machen. Geht gar nicht.

 

faktuell.ch: Viele Migranten kommen aus Kulturen, in denen Arbeit und regelmässig einer Arbeit nachzugehen einen anderen Stellenwert hat als bei uns.

 

Anton Pfleger: Das mag sein. In gewissen Bereichen müssen sich solche Menschen in der Schweiz tatsächlich erst anpassen. Ich finde es ganz wichtig, dass die Sozialhilfe mit den Integrationsmassnahmen zusammenspielt.

 

faktuell.ch: Sollte, wer nicht für sich selber sorgen kann, gehalten werden, mit der Erweiterung seiner Familie zuzuwarten, bis sich seine wirtschaftliche Situation wieder aufhellt?

 

Anton Pfleger: Ein ethisches Thema! Wir haben auch Kinder, die wohlstandsverwahrlost sind, und Unterstützung durch Fachstellen benötigen.

 

faktuell.ch: Als Kantonsvertreter sind Sie auch Vorstandsmitglied der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos), deren Richtlinien wahre soziale Richtungskämpfe auslösten. War die Skos in der Vergangenheit zu grosszügig?

 

Anton Pfleger: Für uns im Kanton Obwalden ist es ein Glück, dass es die Skos gibt. Ihre Richtlinien sind uns eine wertvolle Leitplanke. Es sind Empfehlungen, die das föderalistische System respektieren. Wir haben es in den Kantonen in der Hand unter die Skos-Richtlinien zu gehen. Wenn jemand sich weigert zu kooperieren, dann muss die Sozialhilfe fordern und im Weigerungsfall sanktionieren. Bis zur Nothilfe, wie wir sie im Asylbereich kennen.

 

faktuell.ch: Trotzdem wollen Sie wissen, was allenfalls hinter einer Verweigerung steckt?

 

Anton Pfleger: Ja. Das ist wichtig, damit adäquat gehandelt werden kann. Diese Investition lohnt sich. Es wird gern unterschätzt, dass wir mit der Sozialhilfe als letztem Auffangnetz auch in den sozialen Frieden investieren…

 

faktuell.ch:…und damit eine „Banlieue“ mit eigenen Gesetzen verhindern…

 

Anton Pfleger: Ja. Junge, die sich organisieren, weil es ums Überleben geht. Man kann sich ausmalen, was dann in unserem Konsumparadies passieren könnte. Aber, um das ganz klar zu sagen: Bei Renitenten muss gekürzt werden. Es kann nicht sein, dass Sozialhilfe wie eine Rente bezogen wird.

 

faktuell.ch: Wann immer Sammelaktionen beispielsweise von der „Glückskette“ gestartet werden, erweisen sich die Schweizer als bemerkenswert grosszügig. Warum bröckelt diese Solidarität mit weniger Glücklichen, wenn es um Sozialhilfe geht?

 

Anton Pfleger: Bei uns ist Arbeit mit Status verbunden. Wer keine Arbeit hat, gilt schnell als fauler Kerl und Schmarotzer. Ihn schlecht zu reden, hilft vielleicht aus der Angst heraus, dass man den Arbeitsplatz auch verlieren könnte.

 

faktuell.ch: Viele Jugendliche schmeissen die Lehre hin – 2014 waren es schweizweit 21 000, die die Lehre abgebrochen haben. Wie begegnen Sie dem Problem?

 

Anton Pfleger: Wenn ein Lernender rausfliegt oder selber geht, dann kommt er bei uns in ein Auffangnetz. Eine interdisziplinäre Gruppe bespricht seinen Fall und stellt dem Lernenden jemanden zur Seite, der ihn begleitet und ihm hilft, den Einstieg wieder zu finden. Nur ein kleiner Teil findet ihn nicht.

 

faktuell.ch: Und was ist mit der Verantwortung der Eltern für ihren Nachwuchs?

 

Anton Pfleger: Viele Eltern können bei der Lehrstellensuche nicht genügend helfen. Die Fachstellen unterstützen die Jugendlichen, eine Lehrstellensuche als Projekt mit allem drum und dran anzugehen: ein Ziel anstreben, in Etappen aufteilen, Zeitrahmen setzen, immer wieder überprüfen. In den Abschlussklassen der Schule fehlt den Lehrern oft dafür die Zeit.

 

faktuell.ch: In manchen Schweizer Gemeinden wie in Grellingen BL muss arbeiten, wer Sozialhilfe beziehen will. Ist das ein gangbarer Weg für Sie?

 

Anton Pfleger: Je schneller man aktiv etwas machen kann, desto grösser ist die Chance, dass jemand wieder unabhängig von der Sozialhilfe leben kann. Wir haben bei uns die Stiftung Rüttimattli für Behinderte. Dort arbeiten drei bis vier Sozialhilfebeziehende, die meistens dankbar sind, dass ein solches Angebot vorhanden ist.

 

faktuell.ch: Was geschieht, wenn sich jemand weigert?

 

Anton Pfleger: Da kommt es auf die Begründung an. Mit Behinderten kann nicht jeder umgehen. Wenn jemand wirklich ein Problem damit hat, ist Zwang kontraproduktiv. Wenn er dieses Arbeitsangebot allerdings unbegründet ablehnt, dann kommt unser Sanktionssystem zum Zug.

 

(Das faktuell.ch-Gespräch mit Anton Pfleger hat im Mai 2015 stattgefunden.)