· 

Gabriela Bieri-Brünig: "Man sollte möglichst lange zuhause wohnen können. Da muss man investieren."

faktuell.ch im Gespräch mit Dr. med. Gabriela Bieri-Brüning, Ärztliche Direktorin der Pflegezentren der Stadt Zürich, Chefärztin Geriatrischer Dienst Zürich und Stadtärztin.

faktuell.ch: Die Aufenthaltsdauer in den rund 140 Akutspitälern der Schweiz ist seit Einführung des neuen Fallpauschalensystems (SwissDRG) im Jahre 2012 wie erhofft gesunken. Frau Bieri, wie wirkt sich die kürzere Aufenthaltsdauer in den Spitälern auf die städtischen Pflegezentren aus?

 

Gaby Bieri: Eine grosse Mehrheit spürt die Umstellung sehr stark. Mit SwissDRG sind die Eintritte pro Jahr von etwa 1200 auf über 1700 gestiegen. Wir übernehmen die Patienten direkt vom Spital in die Übergangspflege…

 

faktuell.ch: … statt dass sie nach dem Kurzaufenthalt im Akutspital gleich in einem Heim ein Langzeitbett beanspruchen müssen?

 

Gaby Bieri: Ja. Wir bieten in unseren Zentren eine „Slow Stream Reha“ an, also Rehabilitation mit weniger Zeitdruck und weniger intensiver Therapie. Danach kann über die Hälfte der Patienten wieder nach Hause entlassen werden und Betten werden wieder frei. Es war mit sehr viel Aufwand verbunden, diese Übergangspflege zu etablieren.

 

faktuell.ch: Was heisst das konkret?

 

Gaby Bieri: Allein die Personalkosten der Pflege sind auf diesen spezialisierten Abteilungen um 25 Prozent höher als bei den Langzeitabteilungen. In der Übergangspflege brauchen wir zudem viermal mehr Therapeuten und Ärzte als auf einer Normalabteilung.

 

faktuell.ch: Ihre Lösung mit der Übergangspflege missfällt den Leistungserbringern der geriatrischen Rehabilitation. Es heisst, sie würden damit den Markt verfälschen.

 

Gaby Bieri: Ja, mit einem gewissen Recht. Wir bieten ein Angebot, das für die Krankenkassen sehr attraktiv ist – da Hotellerie und Betreuung im Gegensatz zur Rehaklinik den Patienten selber und nicht der Krankenkasse verrechnet werden. .

 

faktuell.ch: Trotzdem herrscht zwischen den Ärzten in den Pflegeheimen und den Krankenkassen dicke Luft. Warum?

 

Gaby Bieri: Die Menschen kommen immer pflegebedürftiger und medizinisch komplexer zu uns ins Pflegeheim – was ja gut ist, weil es bedeutet, dass sie immer länger zuhause bleiben können. In der Langzeitpflege haben wir heute zu 70 Prozent demenzkranke Patienten. Wir haben sogar ein Angebot für langzeitbeatmete Patienten. Das bedeutet, dass wir mehr Ärzte brauchen.

 

faktuell.ch: Wo liegt das Problem?

 

Gaby Bieri: Die Krankenkassen ziehen sich immer mehr aus den Pflegeheimen zurück, weil sie sich auf den Standpunkt stellen, unsere Patienten seien nicht krank sondern nur alt. Sie lehnen es ab, dass ärztliche Leistungen über das Heim abgerechnet werden können. Gleichzeitig werden von uns immer mehr ärztliche und vor allem fachärztliche Leistungen erwartet und die Kassen sind nicht bereit, dies zu finanzieren. Das ist doch absurd!

 

faktuell.ch: Private Reha-Kliniken und Kurangebote mit 4-Sterne-Hotelbetrieb erfreuen sich hoher Belegungszahlen. Wer kommt für die Kosten auf?

 

Gaby Bieri: Den Aufenthalt in Reha-Zentren mit ganz luxuriöser Hotellerie zahlt die Krankenkasse nur den Privatversicherten und in begründeten Fällen den Halbprivatversicherten. Aber auch in den Spitälern geht es immer mehr in Richtung sehr luxuriöse Hotellerie.

 

faktuell.ch: Fördert die boomende Sozialindustrie die gehobenen, teuren Anspruchstandards?

 

Gaby Bieri: Auf jeden Fall. Aus meiner Sicht ist das aber oft eher Wellness als eigentliche Rehabilitation. Eine gute medizinische und therapeutische Betreuung, ein gutes Team, Zielvereinbarungen und mit der Rehabilitation dran bleiben sind wichtiger als die Hotellerie. Dessen muss man sich bewusst bleiben.

 

faktuell.ch: Die Stadt Zürich hat eine Altersstrategie. Sieht sie im Luxusbereich Grenzen vor?

 

Gaby Bieri: Im Bereich Hotelstandards rüsten wir auch auf. Aber bei uns bezahlen die Leute das selber – ausser jenen, die es sich nicht leisten können und Ergänzungsleistungen (EL) beziehen. Da gibt es Grenzen. Die EL bezahlt keine teures Einerzimmer mit eigener Nasszelle, sondern nur eines ohne Nasszelle oder ein Zweierzimmer.

 

faktuell.ch: Ist es heute finanziell interessant, ein privates Pflegeheim zu betreiben?

 

Gaby Bieri: Mit der neuen Pflegefinanzierung ist es insofern attraktiv, als auch die Privaten den öffentlichen Pflegebeitrag erhalten. Damit sind die privaten Heime in der Finanzierung den öffentlichen gleichgestellt. Aber wenn Private einen guten Hotelstandard haben, können sie heute bei der Hotellerie und auch bei der Betreuung sehr hohe Preise verlangen.

 

faktuell.ch: Das Pflegeheim galt früher als „Endstation“. Heute können in der Stadt Zürich aber dank der Übergangspflege über die Hälfte der Eintretenden wieder nach Hause. Wie erklärt sich das?

 

Gaby Bieri: Über 80 Prozent unserer Leute kommen vom Spital. Dort fehlt oft das geriatrische Wissen, um zu entscheiden, ob jemand noch nach Hause kann. Es ist auch zu früh für eine solche Entscheidung. Deshalb haben wir im Rahmen von SwissDRG beschlossen, alle Eintritte auf die Übergangspflege zu nehmen. Wenn das geriatrische Assessment und die interdisziplinäre Untersuchung zeigen, dass die Person auch nach den maximal acht Wochen Übergangspflege nicht mehr nachhause kann, verlegen wir sie auf einen Langzeitpflegeplatz. Aber auch von dort haben wir immer wieder Austritte nachhause oder z.B. in ein Altersheim wenn sich der gesundheitliche Zustand stabilisiert.

 

faktuell.ch: Kommt das unter dem Strich teurer oder billiger, als wenn der Entscheid schon im Spital getroffen wird?

 

Gaby Bieri: Gesamtwirtschaftlich betrachtet ist die Betreuung zu Hause billiger als im Heim. Ich halte den Entscheid der Stadt Zürich für richtig, dass man Leute nach Hause entlässt, wenn es noch möglich ist. Manchmal geht das nur für ein halbes Jahr, dann fallen sie hin, brechen die andere Hüfte und sind wieder bei uns im Pflegeheim. Aber sie konnten noch eine Weile zuhause verbringen. Das ist auch ein kleiner Erfolg.

 

faktuell.ch: Wie viel kostet ein durchschnittlicher Aufenthalt im Pflegeheim? Wer übernimmt welchen Kostenanteil?

 

Gaby Bieri: Ein Tag im Pflegezentrum kostet im Durchschnitt 390 Franken. Der Bewohner zahlt 200 Franken für Hotellerie und Betreuung sowie 20 Franken als Anteil an die Pflege. Die Krankenkasse zahlt rund 90 Franken für Pflege, Arzt, Therapien und Medikamente. Die öffentliche Hand noch 80 Franken. Mit 6500 Franken im Monat muss man rechnen. Das ist das Minimum.

 

faktuell.ch: Alters- und Pflegeheime kosten gemäss Bundesamt für Statistik pro Jahr 9 Milliarden Franken, die Spitex zusätzlich 2 Milliarden. Es wird erwartet, dass sich diese Summen bis 2030 verdoppeln. Wo führt diese Kostenexplosion hin?

 

Gaby Bieri: Alter bedeutet nicht automatisch Pflegebedürftigkeit. Die 65 bis 80-jährigen sind in der Regel bei recht guter Gesundheit und für die Wirtschaft relevant als Konsumenten. Ab 80 kippt es meistens, da braucht es Unterstützung, Pflege oder dann auch eine Heimplatzierung. Heimbetreuung soll aus meiner Sicht konsequent nur noch für Leute angeboten werden, die das Heim brauchen.

 

faktuell.ch:Welche Rolle kommt den Altersheimen zu?

 

Gaby Bieri: Das Altersheim in dem man wohnt, aber nicht pflegebedürftig ist, ist aus meiner Sicht ein Auslaufmodell. Man sollte möglichst lange zuhause wohnen können. Da muss man investieren. Es zeigt sich, dass Leute länger leben, aber auch länger gesund bleiben. Man spricht bei diesem Phänomen von der Kompression der Morbidität. Sicher die Hälfte aller Menschen in der Schweiz ist im Verlauf des Lebens pflegebedürftig, ein Teil davon mehrere Jahre.

 

faktuell.ch: Wie viel Behandlung ist denn angemessen bei alten Menschen?

 

Gaby Bieri: Im Alter besteht die Gefahr der Unterbehandlung, aber auch der Überbehandlung. Ab 80 kann es fast gefährlich sein, eine Privatversicherung zu haben. Da wird man von Spezialist zu Spezialist weitergereicht und niemand sagt, dass eine zusätzliche Untersuchung oder Operation nicht sinnvoll ist, auch wenn die Krankenkasse zahlt. Bei einem 80-jährigen kann man ohne weiteres sechs und mehr Spezialisten beiziehen. Die haben alle zu tun...

 

faktuell.ch: Was empfehlen Sie?

 

Gaby Bieri: Der Hausarzt sollte in Absprache mit dem Patienten entscheiden können, was wichtig ist und welche Medikamente nicht zwingend sind. Das Alter darf bei der Behandlung nicht das einzige Kriterium sein. Der Hausarzt muss geriatrisch gewichten: Geht der Patient unsicher? Ist die Sturzgefahr hoch? Wie steht es mit dem Herz, den Schmerzen?

 

faktuell.ch: Prävention, Medikalisierung, Jugendwahn. Müssen wir bald alle über 100 Jahre alt werden?

 

Gaby Bieri: Ich bin überzeugt, dass man sein Sterben bis zu einem gewissen Grad beeinflussen kann. Wir reden bei jedem Eintritt ins Pflegeheim darüber, ob der Patient im Fall einer Lungenentzündung noch Antibiotika nehmen möchte oder nicht. Am liebsten ist mir, wenn der Patient zusammen mit den Angehörigen entscheidet. Einfach ausdiskutieren, das ist hilfreich.

 

faktuell.ch: Welche Herausforderungen stehen für Pflegeheime in Zukunft an?

 

Gaby Bieri: Die ärztliche Versorgung der Heime wird ein riesiges Problem werden. Ich weiss nicht, wie wir das gesellschaftlich stemmen können. Wenn es immer weniger Hausärzte gibt, gibt es auch immer weniger von ihnen, die ins Heim gehen, um Patienten zu betreuen. Aktuell ist es für sie alles andere als attraktiv, Patienten im Heim zu haben: Die Arbeit wird schlecht entschädigt, man ist zu wenig präsent und trotzdem ist der Zeitaufwand zu gross. Auf der andern Seite haben wir Mühe, Geriater als Heimärzte zu rekrutieren.

 

faktuell.ch: Was soll junge Ärzte locken, im Pflegeheim zu arbeiten statt im Spital Karriere zu machen?

 

Gaby Bieri: Die Geriatrie ist das spannendste Gebiet der Medizin! Das ist noch die eigentliche Medizin. Man hat mit Patienten zu tun, statt Checklisten von Untersuchungen abzuhaken. Wenn sich ein Assistenzarzt bei mir bewirbt, dann sage ich: Sie sind bei mir für alles zuständig. Sie sind zuständig für das rote Auge, die Depression, die Herzinsuffizienz, den geschnittenen Finger und den Hautausschlag. Und das finde ich spannend an der Geriatrie. 

 

(Das faktuell.ch-Gespräch mit Dr. med. Gabriela Bieri-Brüning hat im Juni 2015 stattgefunden.)