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Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen: Schatten über dem "Königsweg"

Nach wie vor gilt als «Königsweg» der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Integration von Flüchtlingen, dass für sie nach der dreimonatigen administrativen «Begrüssungsphase» möglichst rasch eine Erwerbstätigkeit gefunden wird.  Es heisst, je rascher die Flüchtlinge einer Arbeit nachgehen können, umso leichter wird es ihnen fallen, richtig Tritt zu fassen. Negativ ausgedrückt: Je länger sie keine Arbeit finden, umso schwieriger wird es, sie in den Erwerbsprozess zu integrieren.  Kommt so die versprochene chancengleiche Teilhabe am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben voran? Wie beurteilen die Flüchtlinge selber ihre Situation? In einer Untersuchung der Fachhochschule Luzern (Soziale Arbeit) erhielten 69 FL und VA Gelegenheit, ihre Erwartungen und Hoffnungen bei der Ankunft in der Schweiz mit der Wirklichkeit als «Asylanten», teils Jahrzehnte nach der Ankunft, zu vergleichen.

Arbeitsmarktintegration Flüchtlinge

Ende 2016 werden sich 90'000 bis 100'000 Personen als anerkannte Flüchtlinge (FL) oder vorläufig Aufgenommene (VA) in der Schweiz aufhalten  ̶  viele werden nicht erwerbsfähig sein und von den Erwerbsfähigen wird eine Mehrheit keine Arbeit finden und sozialhilfeabhängig bleiben wie auch die meisten Erwerbstätigen, weil sie in ihren Jobs nicht genug zum Leben verdienen. Daraus folgt: In den Jahren 2019 bis 2021 werden Kosten auf die Kantone und Gemeinden hinzukommen, die drei- bis viermal höher sind als 2014, dem Jahr vor der Flüchtlingswelle. Denn dann werden die heutigen FL (nach fünf Jahren) und VA (nach sieben Jahren) als Kostenfaktoren vom Bund auf die Kantone und Gemeinden übergehen.

 

Doch zunächst ein Rückblick. Anfang Jahr präsentierte der Internationale Währungsfonds (IWF) eine Untersuchung, die verlockend klang: Gelinge die Integration von Flüchtlingen, würden letztlich die Kosten ihrer Aufnahme dank Wirtschaftswachstum weit übertroffen. IWF-Experten halten für möglich, dass die gesamte Europäische Union (EU) innerhalb von fünf Jahren ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 0,25 Prozent erzielt. Entscheidend sei, dass die Flüchtlinge möglichst rasch eine Arbeit aufnehmen könnten. Dazu müssten gesetzliche Hürden abgebaut werden wie zum Beispiel Mindestlohnanforderungen: «Wenn man insgesamt die Flexibilität des Arbeitsmarktes erhöhen würde, könnte das die Integration in die Arbeit erleichtern.»

 

So ähnlich lassen sich Experten auch in der Schweiz verlauten, nachdem mit einer Untersuchung im Auftrag des Bundesamtes für Migration (BFM) belegt worden war: Zehn Jahre nach der Einreise in die Schweiz beträgt die durchschnittliche Erwerbstätigkeitsquote von anerkannten Flüchtlingen (FL) 47,2 Prozent, jene von vorläufig aufgenommenen Personen (VA) 25,4 Prozent und über ein Viertel aller Personen haben zehn Jahre nach ihrer Einreise in die Schweiz keinen einzigen Tag gearbeitet.

 

Ziel der Luzerner Untersuchung war es, anhand von 69 «Integrationsbiografien» ein vertieftes Verständnis für die Faktoren und Mechanismen zu gewinnen, die auf dem Weg zur beruflichen Integration wirksam werden  ̶  und den Ist-Zustand mit den Erwartungen und Hoffnungen der geflüchteten Menschen bei ihrer Ankunft in der Schweiz zu vergleichen.

Dies sind die wichtigsten Erkenntnisse:

 

  • Die niedrigen Quoten bezüglich beruflicher Integration haben sich in der Luzerner Studie bestätigt bzw. sind hier noch verschärft ausgefallen. Dies gilt auch für die Befunde zur Prekarität der Erwerbsverhältnisse. Kurz: Wer im Niedriglohnbereich startet, findet nur schwer heraus, wenn überhaupt.
  • VA und FL erleben in der Schweiz unabhängig von ihrer Arbeitsmarktintegration eine durch den Asyl- oder Flüchtlingsstatus ausgelöste «Objektivierung»: Sie werden verwaltet, transferiert, ihre Vergangenheit wird gelöscht (Diplome und Berufserfahrung werden nicht anerkannt), sie leiden unter sozialer Isolation. Angesichts der erfahrenen Perspektivlosigkeit und der grösstenteils erfolglosen Ausbildungs- und Erwerbsintegration sind und fühlen sich die meisten Befragten blockiert, sehen ihre Zukunft ungewiss bis «düster». Die erlebte Chancenlosigkeit und das Fehlen realer Optionen, manchmal verbunden mit sozialer Isolation, führen zu zum Teil massiven gesundheitlichen Problemen bzw. verstärken bereits vorhandene Beeinträchtigungen.
  • Die befragten Personen zeigten bei ihrer Einreise in die Schweiz eine «ausgeprägte Erwerbsorientierung» und gingen wie selbstverständlich davon aus, dass ein selbständiges, finanziell unabhängiges Leben mit gesellschaftlicher Integration auf sie warten würde. Spätestens nach einer Einstiegsphase in der Schweiz mussten die meisten feststellen, dass sich ihre Vorstellungen und Ziele nicht oder kaum mit der Realität in der Schweiz deckten. Von Beginn weg prägten Erfahrungen von «Entmächtigung» ihr Leben in der Schweiz.
  • Die beobachteten Integrationsverläufe weisen seit der Einreise in die Schweiz eine Vielzahl von Lücken und Brüchen auf und zeigten nur vereinzelt Ansätze zu einem schlüssigen, sprich: zusammenhängenden Aufbau einer beruflichen Laufbahn. Dies gilt in der Regel für Analphabeten wie für Akademiker. Gut ausgebildete Flüchtlinge erhalten vor allem im Migrations- und interkulturellen Sektor Möglichkeiten zur Erwerbsintegration (als Dolmetscher/Übersetzer, als interkulturelle Vermittler); die oft nur kleinen und/oder befristeten Pensen sind nur existenzsichernd, wenn viele kleine Pensen kumuliert werden können oder zusätzlich eine Anstellung in einem anderen Bereich dazukommt.

Und so sah die Realität der 69 VA und FL zum Zeitpunkt der Befragung aus: Nur knapp ein Fünftel ging als Hauptbeschäftigung einer Erwerbstätigkeit nach, wobei nur eine Minderheit dieses Fünftels einen existenzsichernden Lohn verdiente. Die anderen waren trotz Erwerbstätigkeit sozialhilfeabhängig. Die grosse Mehrheit war auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einer Arbeitsstelle, einige wenige hatten die Suche nach Arbeit aufgrund der erlebten Perspektivenlosigkeit aufgegeben. Knapp ein Sechstel befand sich in einer Arbeitsintegrationsmassnahme, wobei sie die Chancen, danach eine Festanstellung zu finden, als gering einschätzten. Einige waren in Ausbildung an einer Hochschule, äusserten aber wenig Hoffnung bezüglich einer erfolgreichen Erwerbsintegration. Nur in einem Fall übte jemand eine Erwerbstätigkeit aus, bei der sie an berufliche Qualifikationen oder Erfahrungen anschliessen konnte, die sie im Herkunftsland erworben hatte.

 

Generell kam in den Interviews zum Ausdruck, dass der Umstand, für alles um Erlaubnis bitten zu müssen, als «entmächtigend» erlebt wird. Man fühlt sich kontrolliert und bevormundet zugleich. Als Flüchtling wird man verwaltet und ist «ständig am Warten». Die von den professionellen Akteuren (Sozialämter, Hilfswerke etc.) getroffenen Entscheide sind für die Betroffenen oft nicht nachvollziehbar, auch von «Willkür» vonseiten der betreuten Stellen ist die Rede, gerade auch in Bezug auf berufliche Initiativen von Flüchtlingen, die mit den Plänen der Betreuungsperson nicht im Einklang stehen.

Die Lage der VA erscheint den Betroffenen wie ein Teufelskreis: Aufgrund ihrer vorläufigen Aufnahme finden sie keine Arbeitsstelle und haben somit auch keine Möglichkeit, finanziell unabhängig zu werden. Diese finanzielle Unabhängigkeit ist aber Bedingung, um Aussichten auf eine B-Bewilligung (Aufenthaltsrecht) und somit langfristig bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben.

 

Als besonders hinderlich, in der Schweiz beruflich Fuss zu fassen, erweist sich der Umstand, dass die Vergangenheit der Asylbewerber bei der Einreise in die Schweiz praktisch gelöscht wird. Dies betrifft namentlich Kompetenzen und Erfahrung, die sie sich im Herkunftsland im Rahmen einer Ausbildung und/oder Erwerbstätigkeit an Diplomen, Qualifikationen, Fertigkeiten und Wissen angeeignet hatten. Die Berufserfahrung im Herkunftsland mutiert zum wertlosen Kapital – man nimmt sich nicht einmal die Mühe, es mit unseren Standards zu vergleichen. Alles wird abgewertet oder komplett entwertet. Nur eine einzige der 69 interviewten Personen konnte langfristig und nur über Umwege an die im Herkunftsland begonnene Ausbildung anschliessen, alle anderen mussten in der Schweiz eine berufliche Neuorientierung vornehmen.

 

Die Praxis sieht offenbar wie folgt aus: Der überwiegende Teil der interviewten Personen, die als einziges Kapital ihre Berufserfahrung im Herkunftsland ausweisen konnten, standen kaum Möglichkeiten für eine Erwerbsintegration offen. Ihr Lebensverlauf in der Schweiz ist gekennzeichnet durch einen Mix aus Sprachkursen, Beschäftigungsprogrammen, Praktika und/oder punktueller, nicht existenzsichernder Erwerbstätigkeit im Niedriglohnsektor. Dabei haben sie kaum die Chance, an ihre Berufserfahrungen und/oder eine begonnene Berufsausbildung anzuschliessen. Berufserfahrungen notabene, die sie in ihrem Herkunftsland sammelten als Gärtner, Bäcker, Schreiner, Zimmermann, Arzt, Förster etc.

Die zugewiesenen Beschäftigungsprogramme werden von diesen Personen grossmehrheitlich als nutzlos erlebt, da sie nicht an ihre Vorkenntnisse anknüpfen, nicht qualifizierend sind und so gut wie nie zu einer Festanstellung im ersten Arbeitsmarkt führen.

 

Praktisch alle Befragten haben im Rahmen des Integrationsprozesses in der Schweiz mindestens einen Sprachkurs besucht. Mit den angebotenen Kursen waren jedoch viele unzufrieden. So wird kritisiert, dass die Kurse zu heterogen zusammengesetzt seien (Kinder, Erwachsene, Akademiker, Analphabeten wären oft im selben Kurs), das Kursniveau zu tief sei und die Kurse ausserdem häufig ausfielen. Einige der   Befragten erzählten, wie sie kämpfen mussten, um vertiefende Sprachkurse besuchen zu dürfen, da die zuständigen Betreuungspersonen der sofortigen Arbeitssuche den Vorzug gaben oder geben wollten.

 

Ein Befund, der sich mit nur wenigen Ausnahmen durch das gesamte Interviewmaterial zieht, betrifft das weitgehende Fehlen von sozialen Kontakten zu Schweizern. Viele gaben an, sie fühlten sich sozial isoliert, gleichzusetzen mit einem Fehlen von sozialem Kapital, von Beziehungen, die für die Verbesserung der eigenen Lebenssituation nutzbar gemacht werden könnten, namentlich auch im Zusammenhang mit der Arbeitssuche («Vitamin B»).

Es sind drei unterschiedliche Wege, über die die befragten Personen für sie relevante Kontakte zu Schweizern finden und aufbauen konnten: über die eigenen Kinder, über zufällige Kontakte im öffentlichen Raum (z.B. eine Schweizerin, die man im Bus kennenlernt; Bekannte, die gratis Deutschunterricht geben) und mit auffallender Regelmässigkeit über Personen, die man im Aufnahmeprozess kennengelernt hat (Ärzte, Anwälte, Lehrer oder Sozialarbeiter), die im privaten Kontext zusätzlich Hilfe und Unterstützung leisten.

 

Fazit der Autoren der Studie: «Angesichts der in der Schweiz erlebten Perspektivlosigkeit und Entmächtigung gehen den vorläufig aufgenommenen Personen und anerkannten Flüchtlingen ihre Ziele verloren. Dazu gehört auch die Hoffnung, durch Erwerbsarbeit langfristig ein unabhängiges Leben zu führen. Sie sind als Flüchtlinge hier zwar nicht mehr an Leib und Leben bedroht, das Ziel, als selbständige Mitglieder Teil der Gesellschaft zu werden, ist für sie aber trotz vieler Bemühungen nur schwer zu erreichen».

 

Nachtrag: Verdienen erwerbstätige vorläufig aufgenommene Personen in den ersten drei Jahren ihres Aufenthalts um 2’000 Franken monatlich, so nimmt dieses Einkommen ab dem vierten Jahr in der Schweiz tendenziell ab, um nach zehn Jahren auf durchschnittlich 1’500 Franken zu sinken. Erwerbstätige anerkannte Flüchtlinge kommen nach zehn Jahren im Schnitt auf ein Monatseinkommen von knapp über 3'000 Franken. Ein existenzsichernder «Königsweg»?