Swiss Life, AXA Leben & Co. holen zwei Drittel ihres Gewinns mit der 2. Säule

Noch acht von ursprünglich 22 privaten Lebensversicherungsunternehmen sind im Geschäft mit der beruflichen Vorsorge engagiert. 2015 erwirtschafteten sie einen Gewinn von 638 Millionen Franken. Dies sind zwei Drittel des Gewinns aus ihrer gesamten Geschäftstätigkeit (989 Millionen Franken). Sehen so Betriebsergebnisse von Unternehmen aus, die mit dem Rückzug aus dem 2. Säule-Geschäft drohen?

BV 2. Säule

Wenn es darum geht, den «Generationenvertrag» in Frage zu stellen, und mit der im System der 2. Säule nicht vorgesehenen (vorerst künstlichen) Umverteilung von Aktiven zu Rentnern für Alarmismus zu sorgen, hauen die Chefs der grossen Lebensversicherer im Rahmen der Debatte um Altersreform 2020 mächtig auf den Putz. Doch wie schlimm steht es um einen Geschäftszweig, der trotz nach wie vor stattlicher Gewinne das grosse Klagelied anstimmt, weil die pekuniäre Attraktivität des Geschäfts mit der beruflichen Vorsorge aufgrund des immer engeren regulatorischen Korsetts gesunken sei?

 

Die Rede ist von den sogenannten KL-Versicherern, die in der 2. Säule Vollversicherungsmodelle und Risikoversicherungen gegen Tod und Invalidität für Sammel- und Vorsorgeeinrichtungen anbieten. KL-Versicherer fallen unter das Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) und unterstehen der Kontrolle der Finanzmarktaufsicht (FINMA). In ihrem jüngst erschienen «Bericht über die Transparenz in der Betriebsrechnung 2015» legt die FINMA Zeugnis über das Geschäft der privaten Lebensversicherer mit Vorsorgegeldern ab.

 

Transparenz ist das Stichwort. Die KL-Versicherer sind seit 2004 gehalten, ihre Aktivitäten mit der 2. Säule in drei Prozessen transparent darzustellen, um überhaupt eine seriöse Kontrolle und Marktvergleiche zu ermöglichen. Ist dies der Fall? Unterschieden werden Sparprozess, Risikoprozess und Kostenprozess. Das Bruttoergebnis aus diesen drei Prozessen belief sich 2015 auf 2,994 Milliarden Franken: 1,857 Mrd. Fr. aus dem Sparprozess (Nettokapitalerträge minus Äufnung Altersguthaben, Umwandlung Altersrenten), 1,176 Mrd. Fr. aus dem Risikoprozess (eingenommene Risikoprämien minus ausgezahlte Invaliden- und Hinterbliebenenrenten) und einem Minus aus dem Kostenprozess, bei dem Verwaltungs- und Betriebskosten sowie die Marketingkosten mit 797 Mio. Fr. den Ertrag aus den Kostenprämien von 757 Mio. Fr. um 40 Mio. Fr. übertrafen.

 

Vom Bruttoergebnis wurden 1,847 Mrd. Fr. zur Verstärkung der Rückstellungen eingesetzt, 509 Mio. Fr. dem Überschussfonds der Versicherten und 638 Mio. als Gewinn den Versicherern zugewiesen. Letzteres ist für die Partizipation an einer obligatorischen Sozialversicherung, also mit Zwangsabgaben der Klientel, gewiss kein schlechtes Ergebnis - ein Ergebnis auch, das mit den Gürtel-enger-schnallen-Parolen kontrastiert, wie sie manche Branchenexperten in Gefälligkeitsinterviews äussern.

 

Wenig Aufschluss geben die drei Prozesse über die effektiven Verwaltungskosten, wo stets ein Einsparpotential vermutet werden darf. Sie sind in allen drei Prozessen enthalten. Die Verwaltungskosten im Sparprozess werden durch die Kapitalerträge gedeckt, im Risikoprozess durch die Risikoprämien und jene im Kostenprozess ebenfalls durch die Risikoprämien gedeckt – kurz: mit dem Geld der Versicherten und ihrer Arbeitgeber.

 

Speziell kritisch beäugt wird Jahr für Jahr die Höhe der Risikoprämien, weil sie den Aufwand in diesem Prozess stets bei weitem übertreffen. Doch die FINMA, die über allfälligen Prämienmissbrauch zu wachen hat, winkt ab: «Seit der Einführung der Transparenzbestimmungen sind keine Klagen von betroffenen Vorsorgeeinrichtungen über überhöhte Prämiensätze eingegangen.»

Von den über vier Millionen aktiven Versicherten sind knapp die Hälfte und jeder vierte Rentenbeziehende bei privaten Lebensversicherern «rückgedeckt», 60 Prozent in Vollversicherungslösungen eingebunden und 40 Prozent in Verträgen mit Teildeckungen wie Risikorückdeckung im Todes- und Invaliditätsfall oder Stop-Loss-Deckung (richtet sich an Vorsorgeeinrichtungen, die einen wesentlichen Teil der Invaliditäts- und Todesfall-Risiken selbst tragen, gleichzeitig aber vollständig gegen ausserordentliche Schäden versichert sein möchten).

 

Vollversicherungen (Volldeckung) bieten noch sechs der acht verbliebenen privaten Versicherer an: Allianz Leben, AXA Leben, Basler Leben, Helvetia Leben, PAX und Swiss Life. Seit Einführung des Bundesgesetzes über die berufliche Vorsorge im Jahre 1985 hat kein neuer Lebensversicherer mehr ein Gesuch um Aufnahme des Geschäfts im Bereich der beruflichen Vorsorge eingereicht.

 

Von den acht heutigen Versicherern im Bereich der beruflichen Vorsorge beschränken sich zwei ganz auf Risikodeckungen, allenfalls mit Rentenoptionen. Die anderen bieten auch vermehrt Vorsorgelösungen an, bei denen der Sparprozess ohne Zins- und Kapitalgarantie in Sammeleinrichtungen ausgelagert ist. Es wird von den KL-Versicherern weniger Angebot zur Verfügung gestellt (und also auch Kapital), als nachgefragt wird. Folge: Nicht jedes Unternehmen, das eine Vollversicherung wünscht, kann diese im heutigen Markt erwerben. Was Wunder, sorgt sich die FINMA bereits über ein Ungleichgewicht im Markt.

Denn das beschränkte Angebot an KL-Versicherern hindert viele versicherte Vorsorgeeinrichtungen daran, zu einem anderen Anbieter zu wechseln resp. überhaupt in die Vollversicherung eintreten zu können. Praktisch alle KL-Versicherer beschränken den Zufluss an Neugeschäft, in Einzelfällen wird der Bestand sogar aktiv reduziert. Neue Kapazitäten werden von keinem Versicherer angeboten.

 

In dieser Lage war der Antrag des Bundesrates absehbar aussichtslos, im Zuge der Altersreform 2020 Zustimmung für die Erhöhung der sogenannten «Legal Quote» (Mindestquote) von 90 auf 92 Prozent zu finden. Sowohl die vorberatende Kommission des Ständerates wie auch jene des Nationalrates verweigerten dem Bundesrat ihre Unterstützung. Damit bleibt die «Legal Quote» bei 90 Prozent, das heisst, mindestens 90 Prozent der Erträge aus Spar-, Risiko- und Kostenprozess stehen den Vorsorgeeinrichtungen und ihren Versicherten zu, maximal zehn Prozent den Versicherern. Der Lobbyismus der Versicherer scheint sich ausgezahlt zu haben.

 

Tatsächlich haben speziell die sechs KL-Versicherer ein leichtes Spiel: Allzu sehr sind insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) von ihnen abhängig. Gerade in der schwierigen wirtschaftlichen Situation der vergangenen Jahre war die Nachfrage von KMU nach einer Vollversicherung gross. Denn KMU verfügen im Allgemeinen nicht über die erforderlichen Ressourcen, um für ihre Mitarbeitenden eigene Pensionskassen zu betreiben. Ihr Personalbestand ist zu klein, um den versicherungstechnischen Risikoausgleich im Kollektiv gewährleisten zu können.

 

Die KL-Versicherer erbringen so im System der beruflichen Vorsorge eine wichtige Dienstleistung als Risikoträger und erfüllen damit eine bedeutende systemstabilisierende Funktion. Sie tun es gewiss nicht aus altruistischen Gründen. Von 2005 bis 2015 haben die acht Lebensversicherer mit der 2. Säule immerhin 5,614 Milliarden Franken Gewinn erwirtschaftet, den grossen «Taucher» im Krisenjahr 2008 mit einem Minus von 906 Millionen Franken eingerechnet.

 

Berechnet wird die Ausschüttung nach der ertragsorientierten Methode (Bruttomethode), die seit ihrer Einführung im Jahr 2004 ständiger Stein des Anstosses ist. Geschätzt die Hälfte der in den vergangen 11 Jahren eingestrichenen Gewinne wäre nach der nur in Ausnahmefällen angewandten Nettomethode den Vorsorgeeinrichtungen und ihren Versicherten zugutegekommen. Allein 2015 hätte beispielsweise die ergebnisorientierte Methode (Nettomethode) zugunsten der Versicherten 848 statt wie mit der Bruttomethode 509 Millionen Franken ausgemacht. Umgekehrt hätten sich die Versicherer mit rund 300 statt 638 Millionen begnügen müssen.

 

Im Jahr 2005 kamen bei den Versicherern 8,39 Aktive auf einen Rentenbezüger, 2015 waren es trotz Babyboom immer noch 7,21 – davon kann die AHV nur träumen. Trotzdem zeichnet die FINMA für die Zukunft ein düsteres Bild, ganz im Sinne der der klagenden Versicherer: «Da sich das Verhältnis Rentner zu Aktiven künftig weiterhin ungünstig entwickeln wird, ist die Rentenfinanzierung längerfristig mit enormen Herausforderungen verknüpft. Ein fairer Ausgleich über die Überschussbeteiligung wird immer unwahrscheinlicher.» Fast ausgeklammert scheint in dieser einfühlenden Bitternis, dass die Versicherer zum siebten Mal in Folge mit einem Jahresgewinn zwischen 610 und 686 Millionen Franken abgeschlossen haben.