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Die Nachfrage nach niedrig qualifizierten Arbeitskräften schwindet: Was nun?

Erwerbsuchende ohne oder mit geringer Ausbildung riskieren immer öfter, aus dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu werden. Muss sich der Sozialstaat daran gewöhnen, dass nicht mehr alle, die eigentlich arbeiten könnten und möchten, auch einen Platz auf dem Arbeitsmarkt finden?

 

Im Auftrag des Zürcher Sozialdepartementes hat die Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik der Universität Basel die längerfristigen Beschäftigungschancen von Geringqualifizierten in der Schweiz untersucht. Die Resultate sollen die Grundlage bilden, um gezieltere und erfolgversprechendere Integrationsstrategien für Geringqualifizierte zu entwickeln.

 

 

Was hat sich in den letzten 30 Jahren verändert? Bis in die 1980er Jahre hinein unterschieden sich die Arbeitslosenquoten von Gering- und Hochqualifizierten nicht gross – sie waren gleichermassen von Arbeitslosigkeit betroffen. Doch seit 1990 steigt die Arbeitslosigkeit der Geringqualifizierten (ohne Abschluss) gegenüber jener Mittel- (Sekundarschulabschluss) und Hochqualifizierter (Tertiärabschluss) zunehmend an

 

 

Verantwortlich ist eine abnehmende Nachfrage der Firmen nach niedrigqualifizierten Arbeitskräften. Die Basler Forscher führen dies in erster Linie auf zwei längerfristige Trendentwicklungen zurück, die heute alle modernen Industrienationen erfassen:

 

  • einfache, repetitive Tätigkeiten in der Produktion wandern in Niedriglohnländer ab und lassen einen wachsenden Anteil an anspruchsvolleren Beschäftigungen zurück, die höhere Qualifikationen erfordern
  • der in die Informations- und Kommunikationstechnologien eingebettete bildungsintensive technische Fortschritt löst eine steigende Nachfrage nach Höherqualifizierten zu Lasten von Un- und Angelernten aus

 

Für das gegenwärtige Überangebot an Geringqualifizierten wird in der Analyse «zu einem guten Teil» die frühere Schweizer Ausländerpolitik verantwortlich gemacht. Bis Anfang der 1990er Jahre hatten zwischen 50 und 60 Prozent der im Ausland rekrutierten Arbeitskräfte keine abgeschlossene Berufsausbildung. Seitdem ist ihr Anteil zwar unter 20 % gefallen. Doch viele dieser geholten Arbeitskräfte sind inzwischen sesshaft geworden und nach wie vor erwerbstätig, was zum derzeitigen Überangebot an Niedrigqualifizierten beiträgt.

 

Daraus folgt: Längerfristig dürfte sich das Überangebot zurückbilden und sich entsprechend die Beschäftigung Geringqualifizierter wieder verbessern. Warum? Einerseits erreichen mehr und mehr früher rekrutierte ausländische Arbeitskräfte das Pensionsalter, andererseits verlassen immer weniger Jugendliche ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung das Schweizer Bildungssystem. Doch bis dahin sieht die Lage düster aus. «Bis die in Zukunft zu erwartende Entlastung eintritt,» heisst es im Bericht weiter, «wird das Überangebot an Niedrigqualifizierten längere Zeit bestehen bleiben und die Wiedereingliederung geringqualifizierter Arbeitsloser in den Arbeitsmarkt erschweren.»

 

 

Wie radikal sich die Bedingungen in den letzten 45 Jahren geändert haben, zeigt dies: 1970 wiesen 40 % der Erwerbstätigen in der Schweiz keinen Berufsabschluss und weniger als 5 % einen Hochschulabschluss auf. Inzwischen haben 25 % aller Beschäftigten einen Hochschulabschluss und nur noch 15 % keine abgeschlossene Berufsausbildung.

 

 

Der Rückgang des Anteils der Ungelernten an der Zahl der Erwerbstätigen könnte, so die Studie, grob auf zwei Faktoren zurückzuführen sein:

  • Die Tätigkeiten, in denen Ungelernte lange Zeit Beschäftigung fanden, erfordern infolge technologischer Veränderungen zunehmend höhere Qualifikationen (Technologie-Effekt).
  • Die Tätigkeiten, die Ungelernte traditionell ausüben, haben an Bedeutung verloren (Struktur-Effekt).

 

Dominant ist der Technologie-Effekt, aber der Struktur-Effekt bleibt ein wichtiger Grund für den Rückgang von Jobs für Ungelernte. Im Detail zeigt die Analyse, dass der Anteil an Geringqualifizierten in fast allen Berufen zwischen 1970 und 2010 abgenommen hat. Den grössten Anteilsverlust verzeichnen Berufe, die in der Vergangenheit traditionell sehr hohe Ungelernten-Anteile unter den Beschäftigten aufwiesen. In all diesen Berufen gingen die Rückgänge mit entsprechenden Zunahmen der Anteile an gelernten Fachkräften einher.

 

 

1970 fanden fast 90 % aller Geringqualifizierten Arbeit in den folgenden Branchen: Produktionsberufe in der Industrie und im Gewerbe (ohne Bau) 30,7 %; Berufe des Gastgewerbes und zur Erbringung persönlicher Dienstleistungen 17,3 %; Handels- und Verkehrsberufe 14,8 %; Berufe der Land-, Forstwirtschaft und Tierzucht 13,2 %; und Berufe des Bau- und Ausbaugewerbes und des Bergbaus 11,9 %.

 

 

Inzwischen haben sich die Verhältnisse verändert. Heute sind mit 25 % Berufe des Gastgewerbes und Berufe zur Erbringung persönlicher Dienstleistungen Hauptbeschäftigungsbereich für Ungelernte, obschon auch in dieser Branche der Anteil an Erwerbstätigen ohne abgeschlossene Berufsausbildung immer kleiner wird! Und der Anteil im früheren Hauptbeschäftigungsbereich für Ungelernte, die Produktionsberufe in der Industrie und im Gewerbe (ohne Bau), hat sich fast halbiert.

 

 

Die Beschäftigung der Geringqualifizierten verlagert sich von der Landwirtschaft, der verarbeitenden Industrie oder dem Bau zugeordneten Berufen hin zum Tertiärsektor,  den Dienstleistungsberufen. Nach Meinung der Basler Analytiker erschwert diese Entwicklung die Wiedereingliederung Geringqualifizierter zusätzlich, da Ungelernte in der Fertigung einen im Vergleich zu ihrer Qualifikation hohen Lohn verdienen können, während die Löhne der Ungelernten in den Dienstleistungsberufen vergleichsweise niedrig sind: «Deshalb», so die Basler Studie, «erweist sich die Wiedereingliederung ungelernter, arbeitslos gewordener Industriearbeiter in den Erwerbsprozess als besonders schwierig. Es bleibt ihnen praktisch nur die wenig attraktive Wahl zwischen Lohnverzicht in einem Dienstleistungsberuf oder – wegen der schwindenden Zahl der Arbeitsplätze in der Fertigung – fortgesetzte Arbeitslosigkeit.»

 

 

Die gegenwärtigen «Wachstumsberufe» der Geringqualifizierten sind: Berufe des Handels und des Verkaufs, Berufe der Reinigung und des Unterhalts, Berufe der Fürsorge, Berufe des Gesundheitswesens. Aber: Tätigkeiten als Hauswart, Raum- und Gebäudereiniger, Küchenpersonal, Servicepersonal, Ausläufer oder Kurier bieten im Allgemeinen auch keine langfristigen Perspektiven. «Es überrascht deshalb nicht», hält der Bericht zusammenfassend fest, «dass die hohe Arbeitslosigkeit von Geringqualifizierten auf die Instabilität ihrer Arbeitsplätze zurückzuführen ist.»

 

 

Fazit (sinngemäss nach den Worten des Zürcher Sozialvorstehers Raphael Golta): Ein gewisses Umdenken in der Sozialhilfe ist nötig. Nicht alle, die wollen und können, finden einen Platz im Arbeitsmarkt – darum: Druck wegnehmen, ohne diese Menschen aufzugeben. Hingegen sind neue Mittel und Wege zu finden, die die Arbeitsmarktchancen für jene erhöhen, die Voraussetzungen mitbringen, eine Stelle zu bekommen.