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Hugo Fasel: "Unser soziales Engagement ist nicht dazu da, unserem eigenen Wohlbefinden zu dienen."

faktuell.ch im Gespräch mit Hugo Fasel, Direktor der Caritas Schweiz seit 2008

Hugo Fasel

faktuell.ch: Herr Fasel, die Caritas steht in Konkurrenz zu den anderen Flüchtlingshilfswerken, mit denen sie zusammen den Dachverband «Schweizerische Flüchtlingshilfe» (SFH) bilden, und unzähligen privaten Anbietern. Wie kommen Sie an ihre Aufträge?

 

Hugo Fasel: Zum Funktionieren der Hilfswerke gibt es viele Klischees. Sie funktionieren aber sehr unterschiedlich. Unser Gesamtbudget von 120 Millionen Franken teilt sich auf in drei Säulen. Die erste Säule, die Spenden, sind ein normaler Wettbewerbsmarkt, bei dem auch jedes Jahr zusätzliche ausländische Organisationen mitmischen. In der zweiten Säule schreiben der Bund und die Kantone sämtliche Aufträge aus. Es handelt sich also um Akquise in einer normalen Wettbewerbssituation. Die dritte Säule ist international. Wir beschaffen Mittel bei der EU und den Aussenministerien von Norwegen, Schweden, Luxemburg, USA etc. Wenn wir beispielsweise in Syrien Projekte realisieren, dann auch aufgrund von Ausschreibungen. Da müssen wir uns konkurrenzfähig zeigen und durch unsere Qualität und Verlässlichkeit überzeugen. Auch durch schweizerische Genauigkeit.

 

faktuell.ch: Das Staatssekretariat für Migration (SEM) setzt für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene in den ersten fünf bis sieben Jahren rund zwei Milliarden Franken ein. Ein Teil davon geht an die Hilfswerke. Das kann lukrativ sein…

 

Hugo Fasel: … von diesen ungefähr zwei Milliarden Franken des SEM erhalten die Hilfswerke nur wenig. Die gesamte Rechtsberatung, die jetzt ausgeschrieben ist, macht in der ganzen Schweiz nur etwa 20 Millionen Franken aus. Bei den rückläufigen Flüchtlingszahlen wird der Betrag sogar wesentlich darunter liegen. Gemessen an den zwei Milliarden also ganz marginal. Geld erhalten wir noch bei den Unterkünften. Aber da arbeiten wir auch mit Freiwilligen, die zum Tarif Null mithelfen.

 

faktuell.ch: Asylsuchende können sich das Hilfswerk aussuchen, das sie beraten soll…

 

Hugo Fasel: …das stimmt so nicht. Wenn ein Asylsuchender in ein Zentrum kommt, dann ist er mit dem Auftragnehmer konfrontiert, den das SEM ausgewählt hat. Das SEM kontrolliert die Qualität und schreibt zirka alle drei Jahre wieder aus. Dadurch kann der Standard regelmässig überprüft werden.

 

faktuell.ch: Wie setzen sich denn die zwei Milliarden der SEM-Gelder konkret zusammen?

 

Hugo Fasel: Aus Sozialhilfe und normaler Lebensunterstützung für Asylsuchende. Aber die Gelder für Betreuung und Rechtsberatung sind wie gesagt marginal.

 

faktuell.ch: Angesichts der rückläufigen Asylgesuche könnten Sie gezwungen sein, einige Ihrer 350 Mitarbeitenden zu entlassen.

 

Hugo Fasel: Um ein Asylzentrum zu führen, braucht man nur einen Hauswart und zwei, drei andere Angestellte für die Aufsicht. Die Asylbewerber sind selbständige Leute. Integrationsmassnahmen gehören nicht zu unseren Aufgaben. Aber wenn die Flüchtlingszahlen zurückgehen, ist es tatsächlich so, dass wir Leute abbauen müssen. Der Kanton Schwyz hat uns im Juni 2018 mitgeteilt, dass durch den Rückgang, auch von unbegleiteten Minderjährigen (UMA), das Haus der Jugend in Immensee schliessen muss. Das bedeutet 16 Kündigungen.

 

faktuell.ch:  Nebst anerkannten Hilfswerken gibt es längst auch Private wie die international tätige ORS, die am Verteilungskampf um Hilfsgelder teilhaben. Damit ihre Gewinne auch bei rückläufigen Asylzahlen nicht einbrechen, bieten sie vermehrt Coaching statt einfache Betreuung an, um die Leute in den Arbeitsmarkt zu bringen. Wäre eine solche Erweiterung der Angebotspalette auch für Sie als Chef eines grossen Hilfswerks ein interessanter Markt?

 

Hugo Fasel: Wissen Sie, es gibt Fragen, die ich gar nicht beantworte. Wenn ich eine Kritik äussere, wird das als Neid interpretiert. In einer Branche kommentiert man die Mitbewerber nicht. Jeder hat sein Konzept und lässt dem andern das seine. Die Auftraggeber müssen die Qualität beurteilen. Das sind die Kantone, teilweise die Gemeinden, teilweise das SEM. Wenn es eine Ausschreibung gibt und ich will in Luzern ein Zentrum führen, aber beispielsweise eine ORS den Auftrag erhält, dann hat sie den vorgegebenen Bedingungen besser entsprochen.

 

faktuell.ch:  Sie nehmen das sportlich.

 

Hugo Fasel: Kommt ein anderes Hilfswerk zum Zug, müssen wir uns überlegen weshalb. Haben wir zu viel gewollt? Gehen wir bewusst nicht unter einen bestimmten Standard und akzeptieren, dass ein anderer Anbieter bereit ist, zu einem bescheideneren Standard zu arbeiten? Wir haben unsere Massstäbe und Werte. Nach diesen entscheiden wir.

 

faktuell.ch: In der Flüchtlingshilfe wirken nicht wenige mit, die zuweilen – Stichworte kriminelle Schlepper, illegale Einreisen – etwas naiv erscheinen. Wie sieht diesbezüglich das Psychogramm von Leuten aus, die bei der Caritas arbeiten?

 

Hugo Fasel: Es ist für mich schwierig, diese Frage korrekt und nicht verletzend zu beantworten. Aber wenn sie sich unsere Strategie 2020 ansehen – eine kleine Broschüre und nicht mehr hundert Seiten wie bei meinem Amtsantritt – dann heisst es da «Unternehmensstrategie» und nicht «Hilfswerk». Und was steht im Zentrum der Strategie? «Wettbewerbsfähigkeit»…

 

faktuell.ch: …wofür andere Hilfswerke Caritas als «neoliberal» gescholten haben.

 

Hugo Fasel: Es geht bei uns um ein Engagement für Solidarität und Gerechtigkeit. Und unser soziales Engagement ist für Menschen bestimmt, die gegenwärtig nicht allein zurechtkommen, aus welchen Gründen auch immer. Aber es ist nicht dazu da, unserem eigenen Wohlbefinden zu dienen. Wir haben hier eine harte Linie eingerichtet. Bei uns gilt Effizienz und wer hier eine Führungsfunktion hat, muss unternehmerisch denken. Wir haben eben eine Woche Schulung hinter uns – in Rechnungswesen. Es kann bei uns keiner mehr ein Projekt machen und sagen, es ist jetzt halt mit dem Budget nicht ganz aufgegangen. Es geht auch um Verbindlichkeiten. Ein Termin ist ein Termin. Wenn wir eine Ausschreibung gewinnen wollen, dann muss man halt mal die Ferien verschieben. Eine andere Verhaltensweise geht nicht mehr.

 

faktuell.ch: Klingt in der Tat schon etwas «neoliberal», jedenfalls nicht nach «Kuschelkultur».

 

Hugo Fasel: Eine Aufgabe wie die der Caritas erfordert heute unternehmerische Kompetenz. Wir haben ein hohes Ziel, ein solidarisches Ziel und ein Ziel das besagt, dass ich für den andern etwas tun will. Dafür braucht es Effizienz.

 

faktuell.ch: Im Leitbild der Caritas steht, dass sich das Hilfswerk auf die Seite der Armutsbetroffenen weltweit stellt…

 

Hugo Fasel: …ja, aber wie wir das tun hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert, ebenso wie die Anforderungen. Das wird auch dazu führen, dass in den nächsten Jahrzehnten einige Organisationen verschwinden. Die können im veränderten Umfeld nicht überleben.

 

faktuell.ch:  Die Spendierfreudigkeit in der Schweiz offenbar da und dort rückläufig.  

 

Hugo Fasel: Bei uns ist das Gegenteil der Fall. Die Spenden steigen kontinuierlich. In der Strategieplanung 2020 sind wir von 28 Millionen Franken Spenden im 2017 ausgegangen. Es waren aber tatsächlich 34 Millionen. Die Leute schätzen, dass wir Positionen beziehen und nicht nur einen technokratischen Ansatz haben. Wir verwalten Armut nicht einfach, wir beschränken uns nicht auf Projektarbeiten. Damit will ich Projekte nicht disqualifizieren. Aber wir wollen beides. Die Caritas hat sowohl einen projektbezogenen wie auch einen politischen Ansatz.

 

faktuell.ch: Was heisst das konkret?

 

Hugo Fasel: Die Armut hat Ursachen. Deshalb haben wir eine Forschungsabteilung im Haus. Das haben nicht viele Hilfswerke. Mit unserer Forschung, die wir Grundlagen nennen, beziehen wir Positionen. Wir reden über die Ursachen der Armut im Inland, wir fordern Ergänzungsleitungen für Familien. Wir reden über die Gründe, weshalb ein Land wie Kongo nicht vom Fleck kommt. Nämlich weil alle versuchen, über Sonderbeziehungen und Bestechungen an die Rohstoffe ranzukommen.  

 

faktuell.ch:  Auch die Entwicklungszusammenarbeit wird dafür kritisiert, dass sie   menschenunwürdige Verhältnisse festigt, indem sie eine korrupte Oligarchie und skrupellose dubiose Firmen bedient. Wie sehen Sie das?

 

Hugo Fasel: Es ist einfach zu sagen, dass die Bevölkerung die Sache selber in die Hand nehmen sollte. Die Bevölkerung im Kongo möchte ihre Regierung längst loswerden, aber solche Diktaturen werden immer wieder gestützt. Das ist ausgeprägt in jenen Ländern der Fall, die Rohstoffe haben. Diese Länder können sich fast nicht entwickeln, weil sie in Auseinandersetzungen um die Rohstoffe mit Grossmächten oder regionalen Mächten gelangen. Ein afrikanisches Land ohne Rohstoffe hätte mehr Chancen für die Entwicklung. Diese Missverhältnisse spricht Caritas an.

 

faktuell.ch: Die Kritik an der Art und Weise der Entwicklungszusammenarbeit ist in den letzten Jahren lauter geworden und wird inzwischen auch in Kreisen diskutiert, die vor nicht allzu langer Zeit jede Änderung strikt abgelehnt haben.

 

Hugo Fasel: Darüber bin ich sehr froh. Denn damit kommt die Sprache auch auf die Umstände und die politischen Zusammenhänge. Nehmen wir die USA. Sie subventionieren ihre Agrarprodukte dermassen, dass sie in einem beliebigen Land praktisch gratis auf den Markt kommen. Dort bleibt kein einziger Bauer wettbewerbsfähig. Und wir selber schützen unseren Markt gegen die EU. Die Diskussion über die richtige Entwicklungszusammenarbeit ist mir darum höchst willkommen.

 

faktuell.ch: Sie bekommen jetzt Unterstützung von Ignazio Cassis, dem neuen Bundesrat und Aussenminister. Er will in seiner Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die Schraube anziehen.

 

Hugo Fasel: Ich bin hellhörig und auch sehr interessiert, was Bundesrat Cassis vorhat. Bisher hat er nur die Migration erwähnt. Man kann sich immer fragen, worauf man sich konzentrieren will. Etwa in Libyen Asylzentren zu führen, damit die Leute nicht über den Teich kommen. In welchen Ländern die Schweiz künftig noch präsent sein wird, entscheidet allerdings nicht Aussenminister Cassis, sondern der Entwicklungsausschuss der OECD.

 

faktuell.ch: Sie waren in Ihrer Zeit als Nationalrat Präsident der entwicklungspolitischen Kommission der Grossen Kammer. Schon damals wurde die geographische und thematische Fokussierung der Entwicklungszusammenarbeit thematisiert. Weshalb kommt keine Strategie zustande?

 

Hugo Fasel: Das hat verschiedene Ursachen. Das Parlament sieht zuerst Fokussierung, also ein Ziel, auf das es sich konzentrieren will. Dann kommen die einzelnen parlamentarischen Vorstösse. Jeder hat eine unterschiedliche Erwartung an die DEZA. Plötzlich sind die Eritreer das Problem. Also gibt es Vorstösse im Parlament und jetzt muss die DEZA rasch 20 oder 50 Millionen nach Eritrea verschieben. Weil im Parlament immer wieder solche Interventionen Erfolg haben, lösen sich Strategien auf. Umgekehrt darf man ruhig festhalten, dass auch die DEZA sich konsequenter fokussieren müsste. Das ist eine Führungsaufgabe. Gemessen am Resultat braucht es mehr Führung und Fokussierung. Und Bundesrat Cassis hat bisher nur gesagt, was er nicht will. Wie gesagt: Ich bin gespannt, wo der neue Bundesrat die Akzente setzen will. Ich bin sehr gespannt.

 

faktuell.ch: Hilfswerken wird – auch das ist Teil der Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit – neuerdings vorgeworfen, dass sie in Afrika exorbitante Löhne und Zulagen bezahlen und ihre Mitarbeiter teure Geländewagen fahren. Was sagen Sie dazu?

 

Hugo Fasel: Die Kritik ist nicht einfach falsch. Es gibt hin und wieder schon ein Auftreten, das auch mich stört. Der Anstand erfordert aber, dass man bereit ist, eine Differenzierung vorzunehmen. Wer fährt jetzt mit solchen ‘Kisten’ herum und wer nicht? Heute kann jeder etwas behaupten und kommt damit durch, weil der Wissenstand der Öffentlichkeit so tief ist. Nur eine breite Debatte schafft Wissen.

 

faktuell.ch: Gut ausgebildete Einheimische arbeiten vor Ort gerne für Hilfswerke. Sie stehen damit aber der einheimischen Verwaltung und Wirtschaft nicht mehr zur Verfügung, wo sie – Stichwort Korruptionsbekämpfung – besonders gebraucht würden. Wie beurteilen Sie diese Einschätzung?

 

Hugo Fasel: Diese Überlegung ist sehr ambivalent. Wenn ein bestens gebildeter Tschader bei der Caritas einen Arbeitsplatz erhält, dann bleibt er im Tschad. Gleichzeitig beobachten wir, dass die ganzen Nordländer systematisch Bestqualifizierte absaugen und nach Europa bringen. Dann stellt sich die Frage, wer welche Löhne bezahlt. Caritas orientiert sich an den Löhnen, die vor Ort bezahlt werden. Das kann natürlich jeder sagen, aber ich kann es unterlegen. Die Caritas hat ein internationales Netz. Es gibt in jedem Land eine Caritas. Es gibt eine Caritas Nepal, es gibt eine Caritas Bangladesch, mit der wir jetzt ein Projekt Rohingya machen. Wir stellen der Caritas Bangladesch die Mittel zur Verfügung und klären mit ihr ab, was wir für die Rohingyas tun können. Entlöhnt werden die Mitarbeitenden der dortigen Caritas gemäss Lohnsystem in Bangladesch.

 

faktuell.ch:  Die Migration ist ein globales Geschäftsmodell. Die Weltbank schätzt, dass 2017 allein aus der Schweiz 25 Milliarden Dollar ins Ausland abgeflossen sind – Tendenz: Volumen steigend. Für gewisse Länder sind dies Rücküberweissungen, resp. Remissen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Auch eine Art Entwicklungshilfe?

 

Hugo Fasel: Das ist so. Aber das ist normal. In einem Land wie Nepal stammt ein ganz grosser Teil der Einnahmen der Bevölkerung tatsächlich von jungen Nepalesen, die unter schwierigen Bedingungen im Ausland arbeiten. Beim Wiederaufbau von Schulhäusern in Nepal hatten wir beispielsweise Leute, die in Katar Bauarbeiten geleitet hatten.

 

faktuell.ch: Das ist also keine besondere Leistung der Schweiz oder Europas…

 

Hugo Fasel: … nein und die Remissen sind wichtige Einnahmen für diese Bevölkerungen. In Tadschikistan haben wir ein Projekt gemacht mit Remissen. Die jungen Männer arbeiten in Russland und schicken Geld nachhause. Wir haben Gruppen gebildet von Familien, meistens Frauen, und ihnen empfohlen, das Geld das ihnen der Mann schickt, nicht einfach auszugeben, sondern einen Teil davon zusammenzulegen und gemeinsam zu investieren. Wir haben den Gruppen erklärt, dass sie fast genossenschaftlich etwas Gemeinsames unternehmen können wie eine Milchverarbeitung zu erstellen. Das ist Entwicklung. Die Frage, was man mit den Remissen politisch auslösen kann, ist sehr interessant.

 

faktuell.ch: Was ist denn Ihre ideale Vorstellung von Entwicklungszusammenarbeit?

 

Hugo Fasel: Ich bin ein Verfechter der kleinkörnigen Entwicklungszusammenarbeit. Projekte müssen nicht gross sein, sondern über eine längere Zeit hinweg betrieben werden, mit jährlich ein bis drei Millionen Franken. Das sind immer noch signifikante Beträge. Aber die Projekte müssen regional eingebunden und übersichtlich sein. Diese Kleinkörnigkeit ist präzis, da Resultat lässt sich auswerten. Das ist kein Streusand.

 

faktuell.ch: Stichwort ‘Effizienz’...

 

Hugo Fasel: …wer Gelder entgegennimmt, steht in der Pflicht, sich anzustrengen, damit möglichst viel davon bei den Bedürftigen ankommt. Die Unterschiede bei den administrativen Kosten der Hilfswerke sind enorm. Bei der Caritas liegen sie bei rund 10 Prozent.  Der Median ist über 20 Prozent. Die Hälfte der Hilfswerke haben also höhere und die andere Hälfte tiefere administrative Kosten. Gewisse Hilfswerke bringen es auf über 40 Prozent. Das muss öffentlich diskutiert werden, damit die Spender wissen, wem sie ihr Geld geben. Wir können als Hilfswerk grundsätzlich nur profitieren von einer engagierten und kritischen Diskussion.

 

faktuell.ch:  Sie haben gesagt, dass die Projekte messbar sein sollten. In Nepal hat die Caritas letztes Jahr über 3000 Leute für Hygiene- und Gesundheitsfragen sensibilisiert. Wie lässt sich der Erfolg dieser Aktion messen?

 

Hugo Fasel: Alle schreien gegenwärtig nach Messung. Das führt in gewissen Jahresbericht zu absurden Aussagen wie dieser:  «Wir haben 86'437 Menschen geholfen.» Das zeigt, dass ein Pseudovorgehen mit Pseudogenauigkeit gewählt wurde. Die Wirkungsmessung. Da hört man nur «Messung». Aber die Wirkungsmessung beginnt mit der Analyse: Worin besteht das Problem?

 

faktuell.ch: Wie beispielsweise…

 

Hugo Fasel: … wenn ich sehe, dass in einer Region Kinder häufiger krank sind als in einer anderen Region, dann leiste ich zu Beginn Denkarbeit und suche nach den möglichen Ursachen. Sind sie schlechter ernährt, gibt es keine Toiletten, ist das Wasser weniger sauber, haben sie zwar Wasser, aber waschen sich die Hände nie? Die grossen gesundheitlichen Fortschritte in der Schweiz kamen im 19. Jahrhundert über die Hygiene. Mit der Hygiene kam die grösste Erhöhung der Lebenserwartung. Wenn ich mir das Hygieneverhalten in einer Region systematisch ansehe und die Einwohner sensibilisiere, dann sind die Resultate sichtbar. Die Kleinkörnigkeit schafft die Übersicht. Wie häufig fehlen die Kinder jetzt in der Schule, wie viele Leute gehen mit Durchfall und andern Krankheiten in die Gesundheitszentren? Nehmen die Zahlen ab? Sensibilisierung ist a priori schwierig zu messen. Wir müssen gleich zu Beginn überlegen, wie wir die Änderungen erfassen...

 

faktuell.ch: … und wie lang es womöglich geht, bis sich etwas tatsächlich messen lässt?

 

Hugo Fasel: Als die Schweiz begann, sich mit der Gleichberechtigung der Geschlechter zu befassen, arbeitete man nur mit weichen Faktoren. Dann gab es ein Gleichstellungsgesetz. Das erlaubte den Frauen, selber zu entscheiden, ob sie eine Erwerbstätigkeit wollten, um nicht vom Ehemann abhängig zu sein. Das sind alles weiche Faktoren, die auch in der Schweiz über mindestens eine Generation zählten. Dort sollte man die Messung nicht überstrapazieren, sondern sich eingestehen, dass ein Veränderungsprozess nur über eine längere Zeitperiode stattfindet. Die zentrale Frage ist: ‘Habe ich bei meiner Betrachtung Kontinuität? Wenn ich ein Projekt zur Gleichberechtigung mache, kann ich am Schluss messen, dass jetzt alle etwas emanzipierter sind. Aber wenn das Projekt nach drei Jahren aufhört, sagt das nicht viel aus. Weiche Faktoren lassen sich nur über Kontinuität bearbeiten.

 

faktuell.ch: Für Gleichberechtigung haben wir uns in der Schweiz selber entschieden. In den Entwicklungsländern stellen auch kleinkörnige Projekte, wie Sie sie propagieren, einen Eingriff in Kultur und Tradition eines Landes dar. Wie rechtfertigen Sie als Hilfswerk-Verantwortlicher solche Eingriffe Aussenstehender? 

 

Hugo Fasel: Jede Intervention verändert etwas und jede Veränderung hat ihre positiven, aber auch ihre negativen Seiten. Das ist nichts Ausserordentliches. Darüber kann man sich nicht ewig streiten. Bei generellen Themen, bei denen es um weiche Faktoren geht, ist der Massstab nur, ob man mit Kontinuität aufwarten kann. Wenn die nicht gegeben ist, braucht man auch nicht lange zu messen.

 

faktuell.ch: Eines der Kernprobleme der Armut in Entwicklungsländern scheint die grosse Kinderzahl zu sein. Warum stösst die Aufklärung gleichsam auf taube Ohren?

 

Hugo Fasel: Wie viele Kinder in einem Land geboren werden, hängt vom Entwicklungsstand ab. Wir sehen uns die Geburtenrate im Ausland einfach nicht genau an. Ein verbreitetes Klischee besagt, dass Muslime sich vermehren wie Kaninchen und den Westen überschwemmen. Das ist ein Missbrauch der demographischen Daten und stimmt nicht. Im muslimischen Iran liegt die Geburtenrate unter zwei Kindern pro Frau. Wir beobachten in allen Ländern, dass die Geburtenrate sinkt, wenn das Einkommen steigt und die Leute merken, dass sie die Kinder nicht mehr brauchen als künftige Arbeitskraft. Die Geburtenrate geht rapide zurück.  Das heisst, die Leute stellen automatisch auf Kondome und Pille um. Das heisst nicht, dass wir nicht Aufklärungsarbeit leisten sollten. Das gehört dazu.

 

faktuell.ch: Warum bringt das Thema Entwicklungshilfe an den Stammtischen meist nur holzschnittartige Betrachtungen hervor, die mit der Realität wenig zu tun haben?

 

Hugo Fasel: Unsere Entwicklungszusammenarbeit hat ein enormes Kommunikationsproblem. Wenn ich mich auf Veranstaltungen umhöre, oder die Botschaften ans Parlament lese, stelle ich fest, dass eine unverständliche Sprache verwendet wird. Ich nehme unser Haus nicht aus. Da muss man intern dauernd dran arbeiten. Was willst du eigentlich sagen? Es ist eine enorme Herausforderung, verständlich darzustellen, worin Entwicklungszusammenarbeit besteht. Wenn ich den Hunger bekämpfen will, dann muss ich konkret sagen, weshalb konkret in diesen Ländern und Regionen Hunger herrscht. Wenn ich dann so Sätze lese wie «Empowern der systemischen Faktoren» frage ich mich, wo ich da gelandet bin.

 

faktuell.ch: In der Schweiz macht sich die Caritas für die Bekämpfung der Armut stark, von der mehr als 600'000 Menschen betroffen sind. Wie kommen die Leute zur Unterstützung durch die Caritas?

 

Hugo Fasel: Wir verteilen keine Gelder. In der Schweiz machen wir systematisch Armutspolitik. Wir haben es geschafft, dass man in der Schweiz über Armut diskutiert. Die ersten Berichte sind in der Schublade verschwunden. Aber wir wissen jetzt, wie viele Leute von der Armut betroffen sind. Wir sensibilisieren, klären auf und schlagen Massnahmen vor. Auf diese Weise ist das Armutsprogramm des Bundes zustande gekommen. Durch normalen Austausch mit dem Parlament. Jetzt verteidigen wir die Sozialhilfe. Aber wir selber können keine Mittel für die Individualhilfe mobilisieren.

 

faktuell.ch: Wie steht es denn mit der Arbeit der Freiwilligen?

 

Hugo Fasel: Die Vermittlung von Freiwilligen ist nicht in unserem Budget. Das weisen wir auch nicht aus. Es gibt immer wieder Leute, die uns fragen, ob sie einen Beitrag leisten können. Man darf nicht unterschätzen, wie viele Leute sich in sehr diskreter Form engagieren. Unter der Bedingung, dass ihr Engagement nicht hoch gehängt wird. Das geht durch alle Schichten. Wenn ich Ihnen Namen nennen würde, die alle kennen, dann würden einige den Kopfstand machen. Die Solidarität der Bevölkerung in der Schweiz wird im Allgemeinen unterschätzt. Das ist die wichtigste Erfahrung, die ich bisher in der Caritas gemacht habe. Das findet keinen Eingang in unsere Konten. Das ist reine Vermittlungsarbeit. Ich habe daraus gelernt, dass man sich anmahnen muss, nicht immer mit Klischees unterwegs zu sein. Wir dürfen niemanden auf seine Rolle und Funktion reduzieren.

 

faktuell.ch: Im Caritas-Markt können Leute mit minimalem Einkommen günstig einkaufen. In Bern stellt die Leitung fest, dass nur wenige Schweizer bei der Caritas einkaufen, weil sie sich genieren, von Bekannten gesehen zu werden. Ausländer hingegen nutzen das Angebot und zeigen sich «markenaffin». Das kann es ja nicht sein oder?

 

Hugo Fasel: Wir werten diese Märkte laufend aus. Der Markt in Bern ist gut sichtbar, das ist ein Problem. In der Westschweiz haben die Leute einen anderen Umgang mit Unterstützung. In Zürich garantiert die Grösse Anonymität. Die Sache mit den Markenprodukten ist eine normale Konditionierung. In der Westschweiz haben wir beispielsweise Produkte aus Frankreich. Wenn wir diese in einem Markt in der Deutschschweiz anbieten, fragen sich die Konsumenten was das soll. Und umgekehrt.  Auch arme Leute haben ihre Geschmäcker. Wir müssen mit dem Angebot reagieren. In den Caritas-Märkten beschränken wir den Einkauf eines Produktes pro Person. Damit die Käufer nicht selber einen Markt aufziehen. Einen Grossteil unserer Produkte schenken uns die Grossverteiler. Sie stellen uns gewisse Produkte zu einem Superpreis zur Verfügung. Schlimm sind leider die Bauern.  Sie lehnen eine Unterstützung der Hilfswerke kategorisch ab. Das taten sie sogar zur Zeit der Milchschwemme. Haarsträubend!

 

faktuell.ch: Ein ziemlich grosser Prozentsatz armer Menschen in der Schweiz verzichtet aus freien Stücken auf Sozialhilfe, obschon sie Anspruch darauf hätten. Wie erklären Sie sich diese Zurückhaltung in einer Zeit, in der sich ansonsten sich jeder holt, was möglichst billig zu haben ist – Stichworte ‘ich bin doch nicht blöd’?

 

Hugo Fasel: Armut ist ein Zeichen der Stigmatisierung. Stigmatisierung am Caritas-Markt ist das eine, aber das geht wesentlich weiter. In den Schulen wird die Armut bei den Kindern sichtbar. Wir haben in der Schweiz 100'000 armutsbetroffene Kinder. Wir mögen zwar nicht Geld verteilen, aber wir sind laufend daran, in die Netze der Armen hineinzukommen und ihnen zu sagen, dass sie nicht zu Lasten ihrer Kinder zurückhaltend sein sollten. Das ist eine falsche Scham und das braucht zuweilen Arbeit, Aufklärung und Unterstützung. Es ist Teil des Armutsphänomens, dass sich Leute selber in eine schwierige Situation bringen, weil die Stigmatisierung funktioniert. Daran muss man arbeiten. 

 

faktuell.ch:  Eines Ihrer Angebote ist die Familienplatzierung für Jugendliche in schwierigen Situationen. Wo ist die Schnittstelle zur Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden KESB?

 

Hugo Fasel: Die KESB weist zu. Wir suchen Familien, die bereit sind, Jugendliche aufzunehmen. 

 

faktuell.ch: Die Caritas hat die Idee «BonLieu»-Restaurant für Armutsbetroffene entwickelt. Was soll man sich darunter vorstellen?

 

Hugo Fasel: Stiftungen und Private leisten einen Beitrag, dass eine armutsbetroffene Familie auch einmal auswärts essen kann. Dazu machen wir Verträge mit Restaurants, die von allen Schichten besucht werden. Eine arme Familie erhält von Caritas einen Gutschein, gibt diesen beim Vertragsrestaurant ab, bezahlt einen Betrag und die Differenz übernehmen wir. Wir bieten dies als aktive Unterstützung an, um die Leute aus ihrer Isolierung zu holen.

 

faktuell.ch: Caritas ermöglicht Armutsbetroffenen auch den Besuch kultureller Anlässe mittels ‘KulturLegi’. Wie funktioniert das?

 

Hugo Fasel: Wir verteilen kein Geld. Die ‘KulturLegi’ ist ein Instrument, das es Familien ermöglicht ins Theater zu gehen, wo die Plätze ohnehin leer blieben. Bezahlen müssen sie immer etwas.  Auch in den Märkten. Die Leute haben das Recht, ein Produkt zu erhalten wie alle andern, aber sie haben auch die Pflicht zu bezahlen wie alle andern. Es gibt nichts gratis. Das gibt es nicht.

 

 

 

Gesprächsführung: Elisabeth Weyermann