Annemarie Lanker: „Entstanden ist eine professionell organisierte Unzuständigkeit.“

faktuell.ch im Gespräch mit der Berner Sozialhilfe-Expertin Annemarie Lanker

Annemarie Lanker

faktuell.ch: Mit der Höhe der Sozialhilfe wird im Wesentlichen ein Ziel verfolgt: materielle Existenzsicherung. Damit soll möglich sein, dass Menschen in Not gesellschaftlich integriert bleiben und Kinder aus prekären Verhältnissen den Anschluss nicht verlieren (Chancengleichheit). Klingt vernünftig und trotzdem stösst die Umsetzung auf Kritik. Woran liegt das?

Annemarie Lanker: Es fehlt hüben und drüben an Augenmass, ein extremes Beispiel ist der „Fall Carlos“. Eine Grossmutter, die ihren Enkel hütet, damit die alleinerziehende Tochter einer Arbeit nachgehen kann, braucht keine Entschädigung durch die Sozialhilfe; eine achtköpfige Migranten-Grossfamilie, die vorher bei sich zuhause auf engstem Raum zusammenlebte, braucht nicht für jedes Familienmitglied ein eigenes Zimmer. Früher haben sich die Menschen zu Unrecht oft geschämt, wenn sie Sozialhilfe beziehen mussten. Heute erklären sie selbstbewusst, was ihnen zusteht und verweisen auf die entsprechenden Gerichtsurteile. Diese Verrechtlichung – auch der Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) – sorgt dafür, dass die Sozialdienste kaum mehr individuelle Lösungen treffen können.

faktuell.ch: Frau Lanker, ginge es nach Ihnen, würde es für Sozialhilfe-Bezüger ein Auto-Verbot geben – begründete Ausnahmen ausgenommen. Stehen Sie noch zu dieser Aussage?

 

Annemarie Lanker: Ja, sicher. Ich fände ein Verbot absolut richtig. Tatsächlich haben immer mehr Leute in der Sozialhilfe Autos. Vor allem Männern aus gewissen Macho-Kulturen ist das Auto wahnsinnig wichtig. Ein Auto kostet aber 400 bis 500 Franken im Monat. Entweder geht dieses Geld auf Kosten der gesunden Ernährung oder auf Kosten der Kinder. Und wenn es auf Kosten von nichts geht, ist die Sozialhilfe zu hoch oder es wird Schwarzarbeit geleistet.

faktuell.ch: Man kann auch einwenden, ein Auto gehöre zum heutigen Lebensstandard wie ein Steamer in die Militärküche, wenn ein Dorf Militär bei sich einquartieren will.

Annemarie Lanker: Ich halte die Autoverbotsdebatte im Zürcher Kantonsrat für symptomatisch für den Zustand unserer Zivilgesellschaft. Überall wird nach dem Schoppen von Mutter Helvetia gerufen. Mein Vater hatte ein kleineres Baugeschäft. Ihm wäre im Traum nicht eingefallen, seine Arbeiter über den kalten Winter bei der Arbeitslosenversicherung ab- und sie im Frühling wieder anzustellen – eine Praxis wie sie offenbar im Wallis gang und gäbe ist. In unserem Dorf hätte mein Vater sich dies auch gar nicht erlauben können. Er wäre geächtet worden.

faktuell.ch: Im Zuge der sogenannten Bologna-Reform ist auch bei uns der Beruf der Sozialarbeiter akademisiert worden. Was hat es in der Praxis gebracht?

Annemarie Lanker: Ich habe den Eindruck, dass die Akademisierung vom handfesten, praktisch ausgerichteten Handeln wegführte. Alle betreiben Case Management, Coaching etc. statt die „Knochenbüez“ zu machen, auf die es ankommt: eine kontinuierliche und enge Betreuung vor allem der jugendlichen Sozialhilfebezüger, damit sie nicht bis ins Pensionsalter in der Sozialhilfe hängen bleiben. Entstanden ist im Sozialdienst, etwas überspitzt formuliert, eine professionell organisierte Unzuständigkeit, die durch die fatal hohe Personalfluktuation im Sozialbetrieb – bis 25 %! – noch verstärkt wird. Viele junge Sozialarbeiter sind in diesem Beruf, in dem auch mentale Stärke und eine gewisse Berufs- und Lebenserfahrung vorausgesetzt werden, überfordert. Wie soll eine 24jährige Sozialarbeiterin einer Muslimin und einem Muslim, die bereits mehrere Kinder haben, erklären können, dass Empfängnisverhütung angezeigt wäre, dass beide Eltern finanzielle Verantwortung für die Familie tragen müssen und auch die Frau ausser Haus arbeiten muss? Das braucht neben theoretischem Wissen eben auch eine rechte Portion Lebenserfahrung!

faktuell.ch: Ansprüche sind das eine, Gegenleistung das andere. Warum brauchen Jugendliche ein Anreiz-System, damit sie bewegt werden können, einen Beruf zu erlernen?

Annemarie Lanker: Im Grund genommen ist es fatal, dass es für selbstverständliches Verhalten Anreize braucht. Wenn schon, dann sollten aber genügend wirksame Sanktionsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Diese fehlen eindeutig.

faktuell.ch: Renitenten Sozialleistungsbezügern, wie zum Beispiel einem jungen Mann, der die Lehre ein-, zwei- oder gar dreimal abbricht, weil ihm etwas nicht passt, droht für sein Verhalten als Maximalsanktion eine Kürzung der Sozialleistungen um 15 %. Warum wird in solchen Fällen nicht einfach akzeptiert, dass einer als ungelernter Arbeiter sein Leben bestreitet wie es viele andere auch tun und die Sozialhilfe gestrichen? Werden die jungen Sozialhilfebezüger allzu sehr verwöhnt und mit Samthandschuhen angefasst?

Annemarie Lanker: Zum Teil werden sie sicher zu wenig gefordert und zu grosszügig unterstützt. Ich habe aber den Eindruck, dass gerade die Jungen, welche zuhause oft wenig Unterstützung und Förderung erfahren, mehr verbindliche, kontinuierliche Betreuung und Begleitung bräuchten. Sie werden im riesigen Angebot von Integrationsmassnahmen herum geschoben, niemand fühlt sich richtig zuständig. Entsprechend unverbindlich bewegen sie sich in dieser „Sozialindustrie“.

faktuell.ch: In der Öffentlichkeit kommt vor allem schlecht an, wenn Menschen, die ihr Leben aus eigener Kraft stemmen, im Vergleich schlechter gestellt sind als Sozialhilfe-Bezüger. Ein System-Fehler?

Annemarie Lanker: Ich verstehe die Kritik und die Frustration derer, die sich anstrengen und mit einem vergleichbaren Lohn zurechtkommen. Die Skos hätte sich schon lange überlegen müssen, welche Wirkung sie in der übrigen Gesellschaft auslöst, kritisiert wird sie ja schon lange. Die Skos argumentiert aber immer nur mit dem Grundbedarf. Das ist der Betrag für die täglichen Auslagen – wie zum Beispiel 6 Franken 70 pro Person und Tag für Essen und Trinken. Hingegen rechnet sie nach aussen nie auf, wie hoch jeweils das ganze Budget ist, wenn man alles dazurechnet: Miete, Nebenkosten, Gesundheitskosten, Prämienverbilligung, Steuerbefreiung und Wohnungseinrichtung.

faktuell.ch: Jetzt soll die Sozialhilfe in der Schweiz mit einer Handvoll Reformvorschlägen – es geht um monatlich 100 bis 200 Franken plus oder minus für die einzelnen Klienten-Segmente und etwas härtere Sanktionen – aus der teils massiven Kritik herausgeführt werden. Reicht das?

Annemarie Lanker: Ich denke nicht, dass die Kritik verstummt. Die Skos müsste entschiedenere Reformen anstreben. Immer mehr Menschen bleiben immer länger in der Sozialhilfe. Es ist längst kein Instrument für kurzfristige Notlagen mehr. Die Sozialhilfe entwickelt sich zur Sozialrente. Dies wird sich sicher noch verstärken angesichts der vielen oft schlecht qualifizierten Flüchtlinge, welche in zunehmend grösserer Anzahl die Sozialhilfe beanspruchen.

faktuell.ch: Steigende Fallzahlen aus den unterschiedlichsten Segmenten: Flüchtlinge aus fremden Kulturen, vormalige IV-Bezüger, die an die Sozialhilfe weitergereicht werden…

Annemarie Lanker: … unglaublich, was da abläuft! Die IV klärt ab, die Arbeitslosenversicherung klärt ab und versucht, die Arbeitslosen wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Viele der Sozialhilfe-Klienten sind bereits seit zwei, drei Jahren arbeitslos, wenn sie in der Sozialhilfe landen und haben umfassende Abklärungen und auch Integrationsprogramme hinter sich. Die Sozialhilfe beginnt von neuem, klärt ab und steckt die Menschen erneut in Integrationsprogramme mit immer weniger Chancen auf Erfolg. Wir leisten uns eine unglaublich teure Bürokratie! Sollte man die verschiedenen Institutionen mit dem gleichen Auftrag nicht vereinfachen und zusammenlegen?

faktuell.ch: … dann ausgesteuerte Arbeitssuchende, Jugendliche ohne Schul- und Lehrabschluss, alleinerziehende Mütter – stossen die Sozialdienste mit dieser Last nicht an Grenzen? Und vermögen sie zu gewährleisten, dass mit den Geldern der öffentlichen Hand, mithin den Steuergeldern, sorgfältig umgegangen wird?

Annemarie Lanker: Ja, die Sozialhilfe stösst tatsächlich an Grenzen. Die Klientel hat sich in den letzten zwanzig Jahren sehr verändert. Denken sie nur an die Menschen aus den unglaublich verschiedenen Kulturen. Ich habe in den letzten Jahren einige hundert Klienten-Dossiers überprüft und mich dabei oft gefragt: Wissen die Betroffenen überhaupt wie unser System funktioniert und was von ihnen erwartet wird? Da zeigen sich grosse sprachliche und kulturelle Schranken.

faktuell.ch: Die Städte gelten als soziale Frühwarnsysteme. Gibt es zwischen Stadt und Land noch Unterschiede, was den Gang zum Sozialamt anbelangt?

Annemarie Lanker: Wahrscheinlich ist es schon noch so, dass der eine oder andere im Dorf keine Sozialdienstleistungen beansprucht, weil er oder seine Familie sich genieren. Aber immer weniger. Die Anspruch-Mentalität schlägt auch auf dem Land durch. Und die Schamgrenze fällt – wie die Hausbesitzer belegen, die ihren Kindern das Haus möglichst früh verschreiben, damit sie Ergänzungsleistungen bekommen können. Die Stimmung ist heute einfach anders.

faktuell.ch: Rund um die sogenannten Integrationsprogramme bemühen sich private Sozialfirmen um lukrative Aufträge von den Sozialdiensten, Juristen nutzen die unentgeltliche Prozessführung, um klagenden Sozialhilfeempfängern beizustehen, Therapeuten, Ärzte, Gutachter etc. bedienen sich ebenfalls kräftig aus den Honigtöpfen unseres sozialen Systems. Was ist in dieser „Sozialindustrie“ Fluch, was Segen?

Annemarie Lanker: Es ist beides, Segen und Fluch. Segen, weil es Auswahlmöglichkeiten gibt, weil sicher einige den Schritt in die Arbeitswelt schaffen. Fluch, weil viele Arbeitslose zu lange in solchen Programmen verharren und sogar verschoben werden – die Plätze müssen ja besetzt sein… Auch damit wird Geld verdient! Ich habe zudem den Eindruck, dass diese Programme zu weit weg von der Realität des ersten Arbeitsmarktes funktionieren. Ich wünschte mir mehr Plätze in der Wirtschaft, eine engere Zusammenarbeit mit der realen Arbeitswelt. Nun, mit weniger Einwanderern wird dies vielleicht möglich sein…

faktuell.ch: Letzte Frage. Wo sehen Sie im Vergleich zum heutigen Sozialbetrieb erfolgversprechende alternative Lösungen?

Annemarie Lanker: Wahrscheinlich müsste man etwas ehrlicher die verschiedenen Akteure im sozialen Bereich unter die Lupe nehmen und kontrollieren, welche Wirkung sie tatsächlich erzeugen; schauen, wie viele Menschen tatsächlich selbständig und unabhängig von staatlichen Leistungen wurden – das ist ja eigentlich der Auftrag der Sozialhilfe, nicht wahr!


(Das faktuell.ch-Gespräch mit Annemarie Lanker hat im Februar 2015 stattgefunden.)


Annemarie Lanker,
dipl. Sozialarbeiterin und Dozentin, bis 2009 Leiterin der sozialen Dienste der Stadt Bern, löste 2007 noch als SP-Mitglied mit einem ungewohnt offenen Interview im Berner „Bund“ über Misswirtschaft und Sozialmissbrauch bei der Fürsorge der Stadt Bern im eigenen politischen Lager einen Sturm der Entrüstung aus. Heute ist sie als parteilose Beraterin und Mediatorin im Bereich Sozialhilfe tätig. Unlängst hat sie zusammen mit Beat Büschi, ehemaliger Finanzinspektor der Stadt Bern, die prekären Verhältnisse bei der Bieler Sozialfürsorge untersucht, der Schweizer Stadt mit der höchsten Sozialhilfequote.