Hintergrund

7-Jahres-Vergleich: Mehr als Untersterblichkeit geht nicht

 

Unter Corona-Bedingungen starben seit 2015 nie so wenig Menschen in der Schweiz wie in diesem Jahr. Trotzdem unterstellt der Bundesrat das Volk weiterhin Zwangsmassnahmen, für Ungeimpfte verschärft er sie gar.  

 

 

Von den Todesfällen über die Ansteckungen und den inzwischen zur Makulatur erklärten Inzidenzwert über noch ansteckendere, gar tödlichere Mutanten bis zum angeblichen Mangel an Intensivbetten, den nur die Durchimpfung stoppen könne: Die Verhältnismässigkeit der Corona-Massnahmen scheint die Verantwortlichen nach anfänglichem Zögern – wieviel Einschränkung seiner Freiheitsrechte nimmt das Volk hin? – heute nicht mehr gross in Frage gestellt.

 

Die absoluten Todesfälle, d.h. alle in der Schweiz registrierten Todesfälle (ohne, mit oder im Zusammenhang mit Corona), geben ein verlässliches Bild davon, wie gross die Todesgefahr ist, die von Corona und seinen Mutanten ausgeht. Hier der guten Ordnung halber die jüngsten vom Bundesamt für Statistik publizierten, von uns seit Jahresbeginn addierten Todesfälle für den Zeitraum 29. Dezember 2020 bis 5. September 2021:

 

2021: 44'819 absolute Todesfälle

 

2020: 46’060

 

2019: 45’567

 

2018: 45’389

 

2017: 44’857

 

2016: 42’800

 

2015: 46’770

 

Fazit: Nichts Neues. Die Untersterblichkeit bei den absoluten Todesfällen hält 2021 an. Sie ist bei den drei Altersgruppen 0 bis 19 Jahre, 20 bis 39 Jahre und 40 bis 64 Jahre besonders ausgeprägt. Gleichzeitig ist in diesen Altersgruppen die Impfquote weiterhin am niedrigsten. Im schweren Grippejahr 2015 gab es bis zu diesem Zeitpunkt knapp 2'000 absolute Todesfälle mehr, die Arztpraxen waren rappelvoll und geimpft wurde auch – aber irgendwelche Zwangsmassnahmen bis hin zur Diskriminierung Ungeimpfter waren nie auch nur ansatzweise ein Thema.

 

Aufgelistet nach Altersgruppen:

 

0 bis 19 Jahre

 

2021: 280 absolute Todesfälle; 2020: 322; 2019: 313; 2018: 319; 2017: 316; 2016: 317 und 2015: 347.

 

Fazit: Für den Zeitraum 29. Dezember 2020 bis 5. September 2021 bisher schweizweit am wenigsten absolute Todesfälle seit 2015, keine Veränderung der Differenzen zwischen den einzelnen Jahren. In der Woche 35 starben in dieser Altersgruppe am wenigsten Kinder und Jugendliche seit 2015.

 

 

 

20 bis 39 Jahre

 

2021: 501 absolute Todesfälle; 2020: 574; 2019: 538; 2018: 551; 2017: 562; 2016: 574 und 2015: 573.

 

Fazit: Für den Zeitraum 29. Dezember 2020 bis 5. September 2021 bisher schweizweit am wenigsten absolute Todesfälle seit 2015, keine Veränderung der Differenzen zwischen den einzelnen Jahren. In der Berichtswoche starben elf Personen, halb viel wie 2015.

 

 

 

40 bis 64 Jahre

 

2021: 4’731 absolute Todesfälle; 2020: 4’817; 2019: 4'732; 2018: 4'988; 2017: 4'846; 2016: 4'871 und 5'188.

 

Fazit: Für den Zeitraum 29. Dezember 2020 bis 5. September 2021 bisher schweizweit am wenigsten absolute Todesfälle seit 2015, keine Veränderungen der Differenzen zwischen den einzelnen Jahren, 2015 gab es bis zu diesem Zeitpunkt 457 absolute Todesfälle mehr als 2021.

 

 

 

65 bis 79 Jahre

 

2021: 11'568 absolute Todesfälle; 2020: 11'438; 2019: 11'453; 2018: 11'329; 2017: 11'084; 2016: 10'635 und 2015: 11'501.

 

Fazit: In dieser Altersgruppe, die eine hohe Impfquote aufweist, starben im Zeitraum 29. Dezember 2020 bis 5. September 2021 mehr Menschen als in den Jahren zuvor, wobei sich die Differenzen verkleinern.  

 

 

 

80 Jahre und älter

 

2021: 27'739 absolute Todesfälle; 2020: 28'909; 2019: 28'531; 2018: 28'202; 2017: 28'049; 2016: 26'403 und 2015: 29'161.

 

Fazit: Mit Ausnahme des Jahres 2015 gab es in dieser Altersgruppe, die die höchste Impfquote aufweist, im Zeitraum 20. Dezember 2020 bis 5. September 2021 nie so wenige absolute Todesfälle seit 2015, man könnte bei den Ältesten von der grössten Untersterblichkeit sprechen, zweifellos ein Erfolg der Impfung.

CF

 

 

 

Urban Laffer: „In der Schweiz hiess es immer, wenn man vom Dach eines Spitals nicht das nächste sieht, dann braucht es noch eines.“

faktuell.ch im Gespräch mit Prof. Urban Laffer, Doyen der Schweizer Chirurgen, über die Kostentreiber im Gesundheitssystem (vom Mai 2015)

 faktuell.ch: Herr Prof. Laffer, vom Krankenversicherungsgesetz (KVG) hatte man sich bei der Einführung 1996 kostendämpfende Wirkung versprochen. Wo ist sie geblieben?

 

Urban Laffer: Wer vor 20 Jahren fürs KVG stimmte, wusste nicht, worauf er sich einliess. Die Leute sind mit tieferen Prämien gelockt worden; diese sind aber nicht gesunken. Das hängt allerdings nicht mit dem KVG zusammen, sondern mit der Entwicklung der Medizin, welche die heutigen Behandlungen teurer macht.

 

faktuell.ch: 1996 kamen etwas mehr als 20 Prozent der Versicherten in den Genuss von Prämienverbilligungen durch Steuermittel, heute sind es, je nach Kanton, 30 und mehr Prozent. Ist ein System, das sich nur mit Steuermitteln behaupten kann, ein gutes System?

 

Urban Laffer: Die Prämien sind in der Tat massiv gestiegen und nicht proportional zur Einkommensentwicklung. Insofern ist die Vergünstigung für viele sicher sinnvoll und schlicht auch nötig.

 

faktuell.ch: Wie viel Solidarität jener, die die vollen Prämien bezahlen müssen, ist zumutbar? Wäre es nicht gerechter, die obligatorische Grundversicherung gleich für alle über die Steuern zu finanzieren?

 

Urban Laffer: Im Endeffekt wäre es wieder dasselbe. Wer gut verdient, bezahlt für die anderen. Mich stört nur ein Punkt. Ich habe in meiner Tätigkeit viele Leute kennengelernt, die arbeiten und Steuern bezahlen könnten, dies aus Bequemlichkeit aber einfach nicht tun.

 

faktuell.ch: Was halten Sie vom Vorschlag der Santésuisse, die Minimalfranchise von 300 auf 500 Franken anzuheben, um die Eigenverantwortung zu erhöhen?

 

Urban Laffer: Einen gewissen Effekt hätte die Erhöhung schon. Heute geht man viel schneller zum Arzt als früher. Und der Arzt muss sich jedem annehmen, auch wenn er nur Zeit blockiert, die er für echte Patienten brauchen könnte.

 

faktuell.ch: Wer nur allgemein und erst noch mit Höchstfranchisse von 2500 Franken versichert ist, fährt besser als Zusatzversicherter (halbprivat, privat), wenn er einmal ins Spital muss. Denn mit den eingesparten Prämien kann er sich locker den Komfort eines Einzelzimmers leisten.

 

Urban Laffer: Wenn ein Flugzeug abstürzt, geht es in der ersten und in der Holzklasse allen gleich. Der Pilot kann für die Passagiere erster Klasse nicht besser aufpassen. So ist es auch in der Medizin, mit oder ohne Einzelzimmer. In der Tat ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand jedes Jahr zum Arzt muss, bis etwa 50 gering. Bis dahin kann man sich schon einen gewissen Stock für Spitalkomfort anlegen.

 

faktuell.ch: Bleiben die beiden Vorteile der Zusatzversicherten, den Arzt und das Spital frei wählen zu können.

 

Urban Laffer: Die öffentlichen Spitäler sind Weiterbildungskliniken. Wir bilden den Nachwuchs aus. So gesehen sind das – gerade in der Chirurgie – Lehrlinge. Als Allgemein-Patient nehmen sie in Kauf, dass sie ein Lehrling operiert. Das macht vielen Menschen Angst. Sie kommen ins Spital und es operiert sie irgendwer...

 

faktuell.ch: … der Patient als Versuchskaninchen…

 

Urban Laffer: Neinnein. Wenn ich bei einer Ausbildungsoperation assistierte, passte ich viel besser auf, als wenn ich selber operierte und mir meine grosse Erfahrung zustatten kam.

 

faktuell.ch: Gibt es ein Konkurrenzverhältnis zwischen öffentlichen und privaten Spitälern?

 

Urban Laffer: Es ist kein eigentlicher Konkurrenzkampf. Die Behandlung im Privatspital ist für die Versicherung teurer. Auch die Honorare der Belegärzte sind höher, weil sie einen Praxisstillstand geltend machen können, was ihnen ausgeglichen wird.

 

faktuell.ch: Kein Kampf um gut betuchte Patienten nach Massgabe von: Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen?

 

Urban Laffer: Das öffentliche Spital muss alle nehmen. Darunter leiden sie zum Teil. In der Cafeteria des öffentlichen Spitals sehen sie die sozialen Probleme einer Gesellschaft. Im privaten Spital haben sie das nicht. Sie können ihre Patienten wählen und andere an die öffentlichen Spitäler verweisen.

 

faktuell.ch: Die Gesundheitskosten in der Schweiz belaufen sich auf rund 70 Milliarden Franken im Jahr, Tendenz steigend. Als besonderer Kostentreiber erweisen sich die Spitäler: von 2011 auf 2012 sind zum Beispiel allein die Spitalausgaben um 2,3 Milliarden oder 9,8 Prozent auf fast 20 Milliarden gestiegen, was rund 2500 Franken pro Einwohner entspricht. Was sind die wichtigsten Gründe dieser Kostenexplosion?

 

Urban Laffer: Allein die Lebenserwartung ist in den letzten 50 Jahren im Durchschnitt um 20 Jahre gestiegen. Dieser Fortschritt hängt mit besseren Medikamenten zusammen, mit generell besserer Gesundheitsversorgung und der Behandlung der Krankheiten. Wenn ich nur die riesigen Fortschritte betrachte, die die Chirurgie in den letzten 20 Jahren gemacht hat…

 

faktuell.ch: ...bis hin zur heutigen Schlüsselloch-Chirurgie…

 

Urban Laffer: …nicht allein wegen der Technik, sondern auch, weil wir daraus viel über die Physiologie gelernt haben, was wir bei andern Operationen anwenden können. Als ich vor 40 Jahren Assistent beim Kantonsspital Basel war, erhielt ein Gallenblasen-Patient mindestens fünf Tage nichts zu essen und musste sicher fünf weitere Tage im Spital bleiben. Heute erhält er nach dem Aufwachen sofort etwas zu essen und ist nach drei bis fünf Tagen wieder zuhause. Als ich vor Jahren meine Arbeit in Biel aufnahm, lag ein Patient im Durchschnitt 13 Tage im Spital, heute sind wir bei 5,5 Tagen.

 

faktuell.ch: Dafür liegt der Patient jetzt länger in der Rehab-Klinik und bezahlt die Sozialindustrie mit Hotelbetrieb statt das Spital.

 

Urban Laffer: Das ist etwas anderes. Früher war der Familienzusammenhalt besser. Der Patient, der nach Hause kam, konnte auf die Pflege in der Familie zählen. Heute muss man für sehr viele – vor allem ältere Patienten – Aufenthaltsorte suchen, weil man weiss, dass sie, auf sich allein gestellt, sich in ihrer Wohnung nicht versorgen können, und sei es nur, dass jemand für sie kochen würde. Das macht das Gesundheitswesen natürlich auch teurer.

 

faktuell.ch: Seit 2012 gilt schweizweit eine neue Spitalfinanzierung: Pauschalfinanzierung dank einheitlicher Zuordnung der Fälle in nach Schweregrad gewichteten Diagnosegruppen („DRG“), multipliziert mit dem verhandelten Preis, der Base Rate.. Im Zeichen von Effizienzsteigerung sollten die Spitäler ihre Leistungen steuern. Wie muss man sich diese Steuerung vorstellen?

 

Urban Laffer: Je grösser eine Operation ist, je mehr Krankheiten der Patient sonst noch hat, desto mehr steigt die Fallschwere bzw. pro Patientengruppe der Case Mix Index  (CMI), bis um das mehrfache der Fallpauschale. Umgekehrt das andere Extrem: Ein Kind, das ja im Prinzip gesund ist, hat beispielsweise bei einem Leistenbruch einen Cost Weight  von etwa 0,3. Das heisst, es steht nur ein Drittel der Fallpauschale zur Verfügung. So wird gesteuert.

 

faktuell.ch: Entscheidend für den Wettbewerb sind aber die schweizweit einheitlichen Fallpauschalen. Sie, Herr Laffer, waren schon bei der Einführung skeptisch, ob die Kantone diese Änderung mittragen würden. War ihre Skepsis berechtigt?

 

Urban Laffer: Grundlage eines fairen Wettbewerbs wäre die freie Spitalwahl. Es ist aber vor der Einführung der neuen Spitalfinanzierung verpasst worden, für alle Spitäler die gleiche Ausgangslage zu schaffen.

 

faktuell.ch: Inwiefern?

 

Urban Laffer: Im Prinzip sollte ein Spital heute nur haben, was es aus der Fallpauschale einnimmt – 45 Prozent zahlen die Versicherungen, 55 Prozent der Kanton. Darüber hinaus sollte der Kanton seine Spitäler eigentlich nicht mehr subventionieren dürfen. Aber das wird hintergangen. Unterschiedliche Fallpauschalen, wobei die Patienten die Differenz selber berappen müssen und nicht ihr Kanton, sind nur das eine; Kantone, die ihre Spitäler mit Steuergeldern „aufrüsten“, um einen Wettbewerbsvorteil zu haben, das andere. Also kann man die freie Spitalwahl schon wieder vergessen.

 

faktuell.ch: Worin besteht denn der Wettbewerb, wenn die Kosten in allen Spitäler gleich hoch sind – nur in der Reputation?

 

Urban Laffer: Genau. Wir haben in der Schweiz 140 Akutspitäler. 40 würden ausreichen. In den USA, wo ich zwei Jahre gearbeitet habe, nehmen die Patienten Anfahrtswege von einem halben oder einem ganzen Tag auf sich. In der Schweiz hiess es immer, wenn man vom Dach eines Spitals aus nicht das nächste sieht, dann braucht es noch eines. Mit Schliessungen könnte man aber effektiv Kosten sparen.

 

faktuell.ch: Unser hochstehendes Gesundheitssystem zieht betuchte Patienten aus dem Ausland an. Subventionieren wir mit unseren Steuern und Krankenkassenprämien wohlhabende Ausländer?

 

Urban Laffer: Nein. Sie bezahlen die vollen Kosten. Und ihr Ansatz ist so hoch, weil sie sich das auch leisten können. Ein Spital, das sich das entsprechende Renommee aufgebaut hat, muss das auch tun, weil es da um zusätzliche Einnahmen geht.

 

faktuell.ch: Stichwort: Ökonomie. Passen ökonomische Effizienzüberlegungen überhaupt zum Gesundheitsbetrieb, zum Beruf des Arztes, der doch alles in seiner Macht stehende tun sollte, um dem Patienten zu helfen?

 

Urban Laffer: Heute ist der Arzt zu ökonomischen Überlegungen aufgefordert, weil alles, was er macht, unter die Fallpauschale fällt. Also muss er überlegen, ob eine bestimmte Untersuchung wirklich sinnvoll ist. Oder soll er den Patienten nach Hause entlassen und ihm empfehlen, die Untersuchung beim Hausarzt zu machen, was der Kasse wieder verrechnet werden kann.

 

faktuell.ch: Mit andern Worten: Nichts unversucht zu lassen, ist zu teuer; etwas zu unterlassen aber für den Patienten gefährlich – und für den verantwortlichen Arzt unter Umständen teuer?

 

Urban Laffer: Falsch. Ich komme auf die KVG-Abstimmung von 1996 zurück. Der Bevölkerung hat damals kein Mensch erzählt, was mit einer Annahme des neuen KVG auf die Gesunden zukommen würde…

 

faktuell.ch: ...auf die Gesunden?

 

Urban Laffer: Ja, dass sie mit dem ökonomischen Denken in der Medizin Abstriche auf sich nehmen müssen. Dass man beispielsweise einen Arzt nicht mehr einklagen kann, wenn er etwas nicht untersucht. Oder wenn ein Patient noch drei Tage länger im Spital bleiben wollte, weil zuhause sein Badezimmer renoviert wurde, hat man das selbstverständlich erlaubt. Heute geht das nicht mehr. Das sind Dinge, die der Bevölkerung nicht bewusst waren, als sie dem neuen KVG zugestimmt hat.

 

faktuell.ch: Eine OECD-Studie, die die Häufigkeit von 5 Operationen untersucht hat, stellte fest, dass die Schweiz bei den meisten Operationen zur Gruppe der Länder mit einer hohen Rate gehört. Wir bei uns zu viel operiert?

 

Urban Laffer: Zum Teil, ja.

 

faktuell.ch: Erklärt das die gewaltige Zunahme gewisser Operationen – beispielsweise der Knieprothesen-Operationen, die sich innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt haben?

 

Urban Laffer: Die Knieprothese gibt es noch nicht so lange, und sie hatte am Anfang noch ihre „Kinderkrankheiten“. Heute weiss man, dass es gut herauskommt, dass auch computerassistiert navigiert wird, damit die Flächen richtig stimmen. Das erklärt einen Teil der Zunahme. Der andere hat damit zu tun, dass die Menschen älter werden…

 

faktuell.ch: ...dank der medizinischen Fortschritte…

 

Urban Laffer: … und dank den Ansprüchen der Patienten, die sich verändert haben. Ich wuchs in einem Dorf auf. Da sah ich viele Bauern unter Schmerzen aufs Feld humpeln. Als ich schon Arzt war, riet ich ihnen, die Hüfte untersuchen zu lassen. Aber sie meinten, das gehe ganz gut so, wie es sei. Heute sind wir weniger bereit, mit Schmerzen zu leben. Lebensqualität geht vor.

 

fakutell.ch: In der Schweiz kommen auf 8 Millionen Einwohner 900 Orthopäden, in den Niederlanden auf 17 Millionen nur 650. Ist das der Grund, dass bei uns häufiger zum Skalpell gegriffen wird, wie Bernhard Christen sagte, der frühere Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Orthopädie?

 

Urban Laffer: Das hat schon einen Einfluss. Es geht immer auch ums Überleben.

 

faktuell.ch: Wäre für Sie eine Altersbeschränkung für Operationen vertretbar, wie sie beispielsweise in Grossbritannien diskutiert wird?

 

Urban Laffer: Nein. Ich hoffe sehr, dass wir in der Schweiz nie so weit kommen, dass wir Altersbeschränkungen für medizinische Behandlungen einführen. Bevor wir rationieren, gibt es noch viel zu rationalisieren.

 

faktuell.ch: Klingt nach weniger Komfort?

 

Urban Laffer: Wir sollten uns bewusst sein, wie hochstehend unser Gesundheitswesen ist. Täglich wird geputzt, die Bettwäsche gewechselt, es gibt drei Menus zur Auswahl etc. Da gibt es noch sehr viel Luxus. In Italien bringen die Angehörigen das Mittagessen ins Spital. Komfort hat einen Preis. Wenn gespart werden muss, sollten wir uns in Ruhe überlegen, was sinnvoll ist und was nicht. Mir ist wichtig, dass die Bevölkerung weiss, wie die Konsequenzen von Sparmassnahmen aussehen, und dass man nicht einfach die Leistungserbringer zum Sparen auffordert.

 

faktuell.ch: Vielleicht ist der Leistungskatalog der Krankenkassen zu breit?

 

Urban Laffer: Das beschäftigt mich schon lange. Aber es ist fast nicht möglich, etwas zu ändern. Heute gibt es Bestimmungen, welche Leistungen nicht bezahlt werden. Aber eine Richtlinie oder Verfügung, welche Leistungen bezahlt werden, gibt es nicht. Wir haben eine Negativliste, aber es fehlt eine Positivliste.

 

faktuell.ch: Gehört die Schönheitschirurgie in den Leistungskatalog?

 

Urban Laffer: Nein, nur die Wiederherstellungschirurgie wie Brustimplantate nach Krebsoperationen oder schlecht verheilte Narben nach Verbrennungen.

 

faktuell.ch: Ein Arzt, der reine Schönheitschirurgie macht, ist eigentlich ein Restaurateur. Die mittlerweile zu einiger Prominenz aufgestiegene Daniela Katzenberger bezeichnet sich als lebendes Ersatzteillager. Wo hört der Spass auf?

 

Urban Laffer: Die Person, die so etwas macht, fällt einen persönlichen Entscheid, der die Allgemeinheit nicht belastet. Problematisch, aber kaum anders zu lösen,  ist allerdings, dass die Versicherungen die Komplikationen solcher Eingriffe zahlen müssen, weil sie unter Krankheit laufen.

 

faktuell.ch: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) spielt im schweizerischen Gesundheitssystem eine Schlüsselrolle. Brauchen wir überhaupt einen gesundheitspolitischen Vormund, wie es das BAG für viele darstellt?

 

Urban Laffer: Wir nähern uns in der Gesundheitspolitik tatsächlich einer Planwirtschaft, statt dass wir den Wettbewerb spielen lassen und gewisse Entscheidungen noch selber treffen können. Das BAG mischt sich immer öfter in die Gesundheitsbehandlung ein, die nicht seine Aufgabe ist. Beispielsweise kann es die Qualitätssicherung, für die sich das Amt jetzt stark machen will, ruhig den medizinischen Fachgesellschaften überlassen.

 

faktuell.ch: Befürchten Sie den manchmal fast missionarisch anmutenden Eifer der Gesundheitsbeamten?

 

Urban Laffer: Nein. Prävention kann ich akzeptieren, solange es bei Empfehlungen bleibt. Sie können als Bürger mitmachen oder nicht. All diese Kampagnen im Namen der Volksgesundheit bewirken, dass die Bevölkerung noch älter wird, die Behandlungen noch teurer werden, und dass wir immer mehr Posthospitalisations-Institutionen brauchen, mehr Pflegeheime – das ist der Effekt.

 

faktuell.ch: Wer ist im Seilziehen der wechselnden Interessen zwischen Patienten, Ärzten, Pharmaindustrie, Krankenkassen und Staat, also BAG, Kostentreiber?

 

Urban Laffer: Das sind alle. Unsere Politiker sind sich dessen aber nicht immer bewusst. Ein Beispiel: Die Übernahme von EU-Normen nach dem Rinderwahnsinn hat das Spital Biel 3,5 Millionen gekostet. Früher hatte man ein Instrumentarium, das nach Gebrauch gewaschen, dann sterilisiert und dann wieder gebraucht wurde. Seit dem Rinderwahn ist das nicht mehr ausreichend. Dabei gibt es eine Statistik, die zeigt, dass in England mehr Lastwagenchauffeure beim Abtransport von getöteten Rindern starben, als Patienten an Rinderwahnsinn.

 

Gesprächsführung für faktuell.ch: Elisabeth Weyermann, Christian Fehr

 

(Das faktuell.ch-Gespräch mit Prof. Urban Laffer hat im Mai 2015 stattgefunden.)

 

 


Urban Laffer,

Professor für Chirurgie, war von 1995 bis Ende April 2015 Chefarzt der Chirurgischen Klinik am Spitalzentrum Biel. Er hat im Laufe seiner Karriere mehrere Standesorganisationen präsidiert, so die Schweizerische Gesellschaft für Chirurgie (2002-2004) und den Verband der chirurgisch und invasiv tätigen Ärztinnen und Ärzte der Schweiz (seit 2004)


7-Jahres-Vergleich: Trotz niedrigster Impfquote 2021 weiter am wenigsten absolute Todesfälle zwischen 0 und 64 Jahren

 

Zumindest was den tödlichen Ausgang anbelangt, haben die drei Altersgruppen 0 – 19, 20 bis 39 und 40 bis 64 unter Corona-Bedingungen mit der bisher niedrigsten Impfquote keine allzu einschneidenden Erfahrungen gemacht: So wenig Menschen sind seit 2015 in den ersten 34 Wochen des Jahres noch nie gestorben. Von einer noch tödlicheren vierten Corona-Welle ist bei den absoluten Todesfallzahlen nichts zu erkennen, im Gegenteil die Untersterblichkeit hält 2021 an. Trotzdem verschärft der Bundesrat mit erweiterten Massnahmen den Impfzwang.

 

 

Die absoluten Todesfälle, d.h. alle in der Schweiz registrierten Todesfälle (ohne, mit oder im Zusammenhang mit Corona), geben ein verlässliches Bild davon, wie gross die Todesgefahr ist, die von Corona und Mutanten ausgeht. Hier die jüngsten vom Bundesamt für Statistik publizierten, von uns addierten Angaben für den Zeitraum 29. Dezember 2020 bis 29. August 2021:

 

2021: 43’512

 

2020: 44’887

 

2019: 44’420

 

2018: 44’183

 

2017: 43’693

 

2016: 41’663

 

2015: 45’598

 

Fazit: Nichts Neues. Die Untersterblichkeit bei den absoluten Todesfällen hält 2021 an. Die Untersterblichkeit ist bei den drei Altersgruppen 0-19, 20-39 und 40 bis 64 besonders ausgeprägt. Gleichzeitig ist in diesen Altersgruppen die Impfquote weiterhin am niedrigsten.

 

Aufgelistet in Altersgruppen:

 

0 bis 19 Jahre

 

2021: 276 absolute Todesfälle; 2020: 315; 2019: 304; 2018: 312: 2017: 304; 2016: 312 und 2015: 340.

 

Fazit: Am wenigsten absolute Todesfälle seit 2015.

 

20 bis 39 Jahre

 

2021: 488 absolute Todesfälle; 2020: 564; 2019: 524; 2018: 535; 2017: 543; 2016: 550 und 2015: 550.

 

Fazit: Am wenigsten absolute Todesfälle seit 2015.

 

 

 

40 bis 64 Jahre

 

2021: 4'574 absolute Todesfälle; 2020: 4'688; 2019: 4'622; 2018: 4'846; 2017: 4'705; 2016: 4'728 und 2015: 5'046.

 

Fazit: Am wenigsten absolute Todesfälle seit 2015.

 

 

 

65 bis 79 Jahre

 

2021: 11'207 absolute Todesfälle; 2020: 11'122; 2019: 11'135; 2018: 10'987; 2017: 10'784; 2016: 10'359 und 2015: 11'175.

 

Fazit: Trotz der mit der höchsten Impfquote weist diese Altersgruppe keine Untersterblichkeit, sondern mit am meisten absolute Todesfälle seit 2015 aus.

 

 

 

80 und mehr Jahre

 

2021: 26'967 absolute Todesfälle; 2020: 28'198; 2019: 27'835; 2018: 27'503; 2017: 27'357; 2016: 25'714 und 2015: 28'487.

 

Fazit: Im Jahr der schweren Grippe 2015 gab es bis Woche 34 rund 2'000 absolute Todesfälle mehr als 2021, ohne dass staatlich garantierte Freiheitsrechte eingeschränkt wurden.

 

 

CF

 

7-Jahres-Vergleich: 2021 dürfte die Lebenserwartung in der Schweiz trotz Covid 19 steigen

 

Die anhaltende Untersterblichkeit, seit 29 von 33 Wochen im Jahr 2021 ausgewiesen durch die Statistik der absoluten Todesfälle (ohne, mit oder im Zusammenhang mit dem Corona-Virus Verstorbene) kontrastiert weiterhin mit der offiziellen Angstmacherei an die Adresse der nicht geimpften Bürgerinnen und Bürger. Hält die Untersterblichkeit an, könnte sich die Lebenserwartung der Menschen in der Schweiz unter Corona-Bedingungen gar erhöhen (auf der Basis des Durchschnitts der letzten sechs Jahre).

 

 

Hier die Vergleichszahlen der absoluten Todesfälle für den Zeitraum 29. Dezember 2020 bis 22. August 2021 für die Jahre 2015 bis 2021, wie sie das Bundesamt für Statistik wöchentlich veröffentlicht:

 

 

 

2021: 42’310

 

2020: 43’668

 

2019: 43’168

 

2018: 43’038

 

2017: 42’486

 

2016: 40’532

 

2015: 44’446

 

Auch nach 33 Woche im Jahr 2021 gilt im 7-Jahres-Vergleich: Unschwer zu erkennen ist in den absoluten Todesfallzahlen, wie gefährlich die schwere Grippe 2015 war, ergänzt von einem Hitzesommer mit etwa 500 Toten. Festzustellen ist auch, dass sich Covid 19 im vergangenen Jahr zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs gross von schweren Grippejahr 2015 unterschied, im Gegenteil. Der grosse Unterschied von beschränkter Dauer zeigte sich erst ab Mitte Oktober 2020 und dauerte bis Ende Januar 2021. Seither zeigt das Total der absoluten Todesfälle in der Schweiz eine Untersterblichkeit. Von den zu Beginn der Pandemie prognostizierten 50'000 Toten spricht inzwischen niemand mehr und die in jüngster Zeit von Spitalchefs in «bestellten» Zeitungsinterviews geäusserte Gefahr eines drohenden Spitalbettenmangels («90 Prozent der Covid-Betten sind von nicht geimpften Patienten belegt!» sollte vielleicht wohl vor allem der konzertierten, aber ins Stocken geratenen Impfkampagne Auftrieb geben.

 

Aufgelistet in Altersgruppen:

 

0 bis 19 Jahre

 

2021: 270 absolute Todesfälle; 2020: 306; 2019: 287; 2018: 306; 2017: 293; 2016: 308; 2015: 330.

 

Fazit: Nie in den letzten sieben Jahren sind weniger junge Menschen gestorben als in den ersten 33 Wochen dieses Jahres im Delta-Modus).

 

20 bis 39 Jahre

 

2021: 467 absolute Todesfälle; 2020: 546; 2019: 509; 2018: 524; 2017: 515; 2016: 541; 2015: 537.

 

Fazit: Nie in den letzten sieben Jahren sind in den ersten 33 Wochen des Jahres weniger Menschen dieser Altersgruppe gestorben, in der bisher mit am wenigsten Menschen gegen Corona geimpft worden sind.  

 

40 bis 64 Jahre

 

2021: 4'442 absolute Todesfälle; 2020: 4'564; 2019: 4'485; 2018: 4'713; 2017: 4'536; 2016: 4'599; 2015: 4'900.

 

Fazit: Nie in den letzten sieben Jahren gab es in dieser Altersgruppe, die einen hohen Anteil an nicht geimpften Bürgerinnen und Bürgern aufweist, weniger absolute Todesfälle als in den ersten 33 Wochen dieses Jahres.

 

 

 

65 bis 79 Jahre

 

2021: 10'898 absolute Todesfälle; 2020: 10'808; 2019: 10'805; 2018: 10'690; 2017: 10'511; 2016: 10’080; 2015: 10'861.

 

Fazit: In dieser Altersgruppe, in der die Impfung mit am stärksten fortgeschritten ist, fällt paradoxerweise auf, dass es in den letzten sieben Jahren nach 33 Wochen noch nie so viele Todesfälle gegeben hat wie 2021.

 

 

 

80 Jahre und älter

 

2021: 26’233 absolute Todesfälle; 2020: 27’444; 2019: 27’082; 2018: 26'805; 2017: 26’631; 2016: 25’004, 2015: 27'818.

 

Fazit: Seit 29 Wochen starben in dieser Altersgruppe im Jahr 2021 oft leicht weniger Menschen pro Woche als in den Vorjahren.

 

CF

 

 

 

7-Jahres-Vergleich: Die Fakten spielen Impf-"Turbo" nicht in die Karten

 

Während die Experten der Taskforce weiter an der Dramatisierungsspirale drehen, zeigt die Statistik der absoluten Todesfälle (ohne, mit oder im Zusammenhang mit dem Corona-Virus Verstorbene) nach 32 Wochen 2021: So wenig absolute Todesfälle gab es seit vielen Jahren nicht mehr. Die seit 28 Wochen belegbare Untersterblichkeit dauert an.

 

 

Hier die Vergleichszahlen der absoluten Todesfälle für den Zeitraum 29. Dezember 2020 bis 15. August 2021 für die Jahre 2015 bis 2021, wie sie das Bundesamt für Statistik wöchentlich veröffentlicht:

 

 

 

2021: 41’065

 

2020: 42’438

 

2019: 41’963

 

2018: 41’851

 

2017: 41’358

 

2016: 39’366

 

2015: 43’251

 

Fazit: Unschwer zu erkennen ist in diesen absoluten Todesfallzahlen, wie gefährlich die schwere Grippe 2015 war, ergänzt von einem Hitzesommer mit etwa 500 Toten. Festzustellen ist auch, dass sich Covid-19 im vergangenen Jahr zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs gross von schweren Grippejahr 2015 unterschied, im Gegenteil. Der grosse Unterschied von beschränkter Dauer zeigte sich erst ab Mitte Oktober 2020 und dauerte bis Ende Januar 2021. Seither zeigt das Total der absoluten Todesfälle in der Schweiz eine Untersterblichkeit. Von den zu Beginn der Pandemie prognostizierten 50'000 Toten spricht inzwischen niemand mehr, stattdessen ist jetzt die Verknappung der Zahl der Spitalbetten im Fokus und Begründung dafür, jetzt dringlich den Impf-"Turbo" (so der Vize der Taskforce) anzuwerfen. Wenig erwähnt wird, dass dieser da und dort eventuell entstehende Mangel auftreten könnte, weil nicht länger haltbar schien, für die angeblich immer gefährlicher, mithin tödlicher werdenden Covid-Mutanten ohne Not zu viele Spitalbetten freizuhalten.

 

Aufgelistet in Altersgruppen:

 

0 bis 19 Jahre

 

2021: 263 absolute Todesfälle; 2020: 301; 2019: 281; 2018: 301; 2017: 287; 2016: 293; 2015: 318.

 

Fazit: Die vorliegenden absoluten Todesfallzahlen liefern nach wie vor keine Begründung, diese Altersgruppe ab 12 Jahren in die Impfkampagne einzubeziehen.

 

 

 

20 bis 39 Jahre

 

2021: 459 absolute Todesfälle; 2020: 528; 2019: 495; 2018: 509; 2017: 500; 2016: 527; 2015: 519.

 

Fazit: 2021 verzeichnet die tiefsten Todesfallzahlen in dieser Altersgruppe, in der bisher mit am wenigsten Personen geimpft worden sind. Alarmierende Hinweise, wonach sich neuerdings vermehrt Vertreter dieser Altersgruppe anstecken würden und mit ungewissem Ausgang in Spitalpflege gebracht werden müssten, scheinen zumindest was die allfällige Todesfolge zu dramatisch gezeichnet.

 

40 bis 64 Jahre

 

2021: 4'289 absolute Todesfälle; 2020: 4'421; 2019: 4'304; 2018: 4'567; 2017: 4'415; 2016: 4'478; 2015: 4'763.

 

Fazit: In dieser Altersgruppe mit einem – wie die Altersgruppe 20 bis 29 Jahre - hohen Anteil an nicht geimpften Personen gibt es 2021 deutlich weniger absolute Todesfälle als in allen anderen Jahren seit 2015.

 

 

 

65 bis 79 Jahre

 

2021: 10'572 absolute Todesfälle; 2020: 10'525; 2019: 10'514; 2018: 10'381; 2017: 10'212; 2016: 9'794; 2015: 10'573.

 

Fazit: In dieser Altersgruppe, in der die Impfung mit am stärksten fortgeschritten, fällt paradoxerweise auf, dass es leicht mehr absolute Todesfälle gibt als in den meisten anderen Jahren bis zu diesem Zeitpunkt.

 

 

 

80 Jahre und älter

 

2021: 25'482 absolute Todesfälle; 2020: 26'663; 2019: 26'372; 2018: 26'093; 2017: 25'944; 2016: 24’274, 2015: 27'388.

 

Fazit: Seit 28 Wochen sterben in dieser Altersgruppe oft weniger Menschen pro Woche als in dieser Zeitspanne in den Jahren seit 2015.

 

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Heinz Locher: «Wir haben ein Kartell der Versager: Kantone, Bund, Krankenkassen, Ärzte, Spitäler. Die tun sich gegenseitig nicht weh.»

faktuell.ch im Gespräch mit Heinz Locher, Gesundheitsökonom, Unternehmensberater, Publizist und Dozent

 

Heinz Locher

 

faktuell.ch: Die Kosten im Gesundheitswesen explodieren. Seit Einführung des Krankenkassen-Obligatoriums 1996 haben sich die Prämien verdoppelt. Trotz des politischen Versprechens von damals, alles werde billiger. Kostentreiber sind alle Mitspieler im Gesundheitswesen: Ankurbler Wissenschaft / Pharmaindustrie, umsatzinteressierte Krankenkassen, Spitäler und Ärzte, anspruchsvolle Versicherte und eine Politik, die die Exzesse nicht kontrollieren kann. Beginnen wir mit der Wissenschaft. Wie kann man sie bremsen, laufend neue Krankheiten zu finden, Herr Locher?

 

Heinz Locher: Die muss man nicht bremsen. Die Wissenschaft hat ihre eigene Gesetzmässigkeit. Der Wissenschafter muss tun, was es braucht, um in den Peer Review- Zeitschriften publizieren zu können. Peer Review (Gutachten von Gleichrangigen zwecks Qualitätssicherung) erzeugt einen Konformitätsdruck. Ganz originelle Typen haben keine Chance, den Gutachtern zu genügen. Wissenschafter befassen sich mit hoch aktuellen Themen, von denen sie sich eine gewisse Resonanz versprechen. Für gute Resonanz gibt es Forschungsgelder und mit der Forschung den Vorsitz in Beiräten oder die Rolle als Mitherausgeber von wissenschaftliche Publikationen. Diese Gesetzmässigkeit orientiert sich nicht unbedingt nach den Bedürfnissen der Bevölkerung. Das ist ein Problem. Wenn sich ein Wissenschafter diesem Druck entziehen will, muss er es sich finanziell leisten können und bereits ein sehr hohes Prestige haben. Da haben wir eine gewisse Tragik.

 

faktuell.ch: Eine weitere Preis-Ankurblerin ist die Pharmaindustrie.

 

Heinz Locher: Die Pharmaindustrie ist dazu verdammt, ihren Aktionären zu gefallen. Ob die Pharmapreise zu hoch sind, kann man nicht den Pharmapreisen ablesen, sondern am exorbitanten Wert der Firmen bei Fusionen oder Verkäufen. Für mich heisst das: Mehr öffentliche Mittel in die Forschung investieren. Wir, die Bevölkerung, müssen bereit sein, das Geld via Steuern statt via Prämien zu bezahlen. Das wäre für mich ein Korrekturfaktor. Das ist nicht sehr populär, aber entweder wollen wir ein Ergebnis erzielen oder Ideologien folgen.

 

faktuell.ch: Ist nicht endlich eine ethische Diskussion darüber nötig, bis in welches Alter teure Operationen und Medikamente für jedermann sinnvoll sind?

 

Heinz Locher: Das ist eine Frage des Gesichtspunkts. Ist es aus Patientensicht sinnvoll, einer 93jährigen Frau Chemotherapie zu geben, wenn die Lebensverlängerung darin besteht, drei Monate länger an Schläuchen zu hängen. Das ist nicht sinnvoll. Einverstanden. Aber aus Kostensicht muss ich sagen, eine Rationierung brauchen wir wirklich nicht.

 

faktuell.ch: Lebensverlängerung ist das eine. Wie sieht es aus, wenn bei einer schwangeren Frau festgestellt wird, dass der Embryo schwer geschädigt ist, im Leben nur vegetieren und die Gesellschaft viel Geld kosten wird?

 

Heinz Locher: Das soll die Frau entscheiden. Wir verschwenden in der Schweiz derart viel Geld für Unnötiges, da liegt das drin. Von dieser Diskussion sind wir bei unseren jetzigen Gesellschaftsverhältnissen noch weit, weit entfernt.

 

faktuell.ch: Krankenkassen sind gewinnorientiert. Sie möchten möglichst wenig kranke Versicherte und möglichst hohe Prämien.

 

Heinz Locher: Die Krankenkassen sind die grössten Versager im System. Sie machen ihren Job nicht. Krankenkassen interessieren sich – zugegebenermassen etwas zugespitzt und verkürzt gesagt - für die Risikoselektion von Versicherten, für die Optimierung der Maklergebühren, für den Bonus des CEO. Eigentlich sollten sie Treuhänder der Versicherten sein und Mitverantwortung für die Gestaltung des Gesundheitssystems in deren Sinne tragen aber das kann man vergessen. Sie wären wichtig als Korrektiv zu den anderen Kräften, die auch eine Legitimation haben (Kantone, Leistungserbringer). Aber diese Rolle wollen und können sie nicht wahrnehmen. Totaler Ausfall. Damit fehlt ein Player. Es ist wie ein Parallelogramm, bei dem ein Vektor ausfällt. Dann gibt es Verzerrungen.

 

faktuell.ch: Inwiefern versagen denn Spitäler und Ärzte, die betriebswirtschaftlich denken, ihre Maschinen amortisieren und möglichst viele Operationen durchführen müssen?

 

Heinz Locher: Als Unternehmensberater sehe ich, unter welchem Druck sie stehen: «survival of the fittest», also purer Darwinismus. Dem kann sich keiner entziehen und wird davon angetrieben. Ich sehe die Lösung darin, dass die Regulatoren, also Bund und Kantone, durch eine intelligente Regulierung strukturell Voraussetzungen schaffen für anständige Qualität. Die beginnt nicht beim Ergebnis, sondern beim Festlegen von Auflagen, wer wie qualifiziert sein muss, Mindestmengen – also Qualität schon am Anfang.  

 

faktuell.ch: Damit geht es auch in Richtung integriertes Gesundheitswesen, bei dem zu Medizin und Pflege auch soziale, juristische und finanzielle Beratung und Unterstützung kommen?

 

Heinz Locher: Ja, die integrierte Betreuung müsste hinzukommen. Unser Gesundheitswesen ist immer noch auf eine junge Bevölkerung ausgerichtet. Man hat eine Krankheit, einen Unfall und wird geheilt. Erledigt. Bei einer Bevölkerung mit multimorbiden (an mehreren Krankheiten gleichzeitig leidenden), chronisch Kranken ist das Ziel nicht heilen, sondern erhalten der Lebensqualität. Wir haben Akutspitaler, Ärzte, Spitex, Pflegeheime. Alle leben nebeneinander her, alle haben ein anderes Finanzierungssystem. Also gibt es keine integrierte Versorgung. Und wer koordiniert, wird dafür nicht bezahlt. Die grosse Veränderung muss da stattfinden.

 

faktuell.ch: Und wie soll die zustande kommen?

 

Heinz Locher: Wir brauchen grosse Wellen: ein neues Gesundheitsverständnis, eine neue Erwartungshaltung, aber nicht im Sinn von Verzicht, sondern von einer Neustrukturierung des Versorgungssystems. Es muss der Zusammensetzung der Bevölkerung gerecht werden, also auf multimorbide, chronisch Kranke ausgerichtet sein.

 

faktuell.ch: Braucht es eine der – oft umstrittenen – Aufklärungskampagnen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG)?

 

Heinz Locher: Nein, das bringt nichts. Aufklärung, Prävention kann das BAG punktuell machen. Bei HIV beispielsweise war das sinnvoll. Aufklärung ist gut, aber nicht nur Aufgabe der Behörden. Primär muss die Bewegung von unten kommen, «grass root». Es ist in der Schweiz fast revolutionär, wenn man fragt, was denn gut wäre für die Versicherten. Da käme man weit weg von den gängigen Themen in der Gesundheitspolitik.

 

faktuell.ch: Wie am besten vorgehen?

 

Heinz Locher: Wir brauchen jemanden, der die Interessen der Bevölkerung vertritt. Die Patientenstellen sind zu schwach und haben auch kein Geld. Vielleicht ist die Zeit reif für das Projekt «TCS für Versicherte und Patienten»

 

faktuell.ch: Stellen wir doch noch die politische Verantwortungsfrage: Seit Einführung des Krankenkassen-Obligatoriums 1996 verzeichnen wir vier Vorsteher des Eidg. Departements des Innern: Dreyfuss, Couchepin, Burkhalter und Berset. Weshalb ist es der Gesundheitsministerin Dreyfuss und den drei Gesundheitsministern nicht gelungen, die Kostenexplosion zu stoppen? Sind sie schlecht beraten oder ist das System zu träge?

 

Heinz Locher: Das System ist nicht zu träge. Es geht einfach allen immer noch zu gut.

 

faktuell.ch: Es geht uns zu gut?

 

Heinz Locher: Ja, allen. Jetzt gibt es allerdings erste Erosionserscheinungen. Die schwarze Liste. Oder Leute, die eine Franchise von 2500 Franken wählen und nicht zum Arzt gehen können. 10% der Bevölkerung können die Franchise nicht bezahlen. Das sind Zerfallserscheinungen. Uns bleibt immerhin noch eine Chance. Ich war starker Befürworter des Krankenkassen-Obligatoriums. Krankheit sollte nicht ein Verarmungsgrund sein. 

 

faktuell.ch: Das Problem wird gelöst mit Prämienverbilligungen…

 

Heinz Locher: …oder eben nicht mehr. Ich bin der Meinung, dass man die Belastung der Haushalte deckeln muss, bei etwa 10% des Haushaltbudgets. Alles andere geht zu Lasten der Steuerzahler. Die Steuern sind – im Unterschied zu den Prämien – progressiv. Man muss dafür sorgen, dass das Ventil, nämlich höhere Prämien, gestopft wird, dann gibt es höhere öffentliche Ausgaben. Das ist vordergründig eine blosse Verlagerung der Finanzierung. Hintergründig aber nicht. Denn einer, der sich nicht wehren kann, wird ersetzt durch einen, der sich wehren kann, nämlich durch die Kantone. Die müssen zahlen. Die Kantone können entscheiden, was und wie viel sie sich leisten wollen und damit sind die Ausgaben demokratisch legitimiert. Denn es findet eine Diskussion mit der Bevölkerung darüber statt, wie viel das Gesundheitssystem kosten darf. Was wir für die Gesundheit ausgeben, können wir nicht für die Bildung ausgeben und der Steuerzahler hat das Geld auch nicht mehr im Sack, um damit zu tun, was er will. Diesen demokratisch legitimierten, zwingend informierten Diskurs muss es geben. Vielleicht ist die Bevölkerung bereit, mehr für das Gesundheitswesen auszugeben. Ich bezweifle allerdings, dass man mehr ausgeben kann als heute. Wir geben schon viel zu viel aus für überflüssige Leistungen. Das ist eben nicht wie beim Schwimmer im WC-Spülkasten. Wenn der oben ist, stellt das Wasser ab. So einen Schwimmer haben wir nicht im Gesundheitswesen.

 

faktuell.ch: Geht es da nicht auch um eine ideologische Frage. Wer für Solidarität ist, will Staat, wer Wettbewerb befürwortet, will ihn nicht.  

 

Heinz Locher: Man muss Bund und Kantone bestrafen für ihre Nicht-Tätigkeit. Der Bund bezahlt den Kantonen einen Fixbeitrag an die Kosten, 7,5%. Der Bund hat eine gewisse Verantwortung für die Zulassung von Leistungen und Preisen. Ich bin der Meinung, das muss man verdoppeln. Der Bund muss auch mehr bluten, die Kantone die Hauptlast tragen und den Rest bezahlen. Es muss weh tun. Die Prämie a gogo erhöhen geht nicht. Selbstbehalt und Franchise sind ohnehin schon hoch. Anlässlich der Budgetdebatte in der Kantonsregierung wird es dann heissen, der Gesundheitsdirektor sei ein frecher Kerl. Die Regierung hat 40 Millionen Franken zu verteilen und der hat schon 25 kassiert. Und zwar als gebundene Ausgabe. Nichts zu machen. Also werden die Stimmbürger gefragt, ob sie eine Steuererhöhung wollen. Das ist der Mechanismus, den ich sehe. Die Prämienzahler haben natürlich auch ihren Beitrag zu leisten. Langfristig muss man ihre Erwartungshaltung korrigieren. Das dauert eine halbe Generation. In der Zwischenzeit muss man ihnen den Stoff knapphalten.

 

 faktuell.ch: Sie sagen, wir haben noch genug Geld…

 

Heinz Locher: …schon, aber die Finanzierung ist unsozial. Deshalb muss man das stoppen und es muss denen weh tun, die sich wehren können. Und wenn sie sich nicht wehren wollen, wie beispielsweise in Neuenburg, wo die Bevölkerung zwei Spitäler will, sollte man vielleicht eher die Bevölkerung auswechseln als die Regierung…

 

faktuell.ch: Sie haben auch schon gesagt, das Gesundheitssystem in der Schweiz liege am Boden. Umfragen zeigen aber, dass nur ein Prozent der Versicherten damit unzufrieden ist.

 

Heinz Locher: Gut, das hat natürlich einen anderen Zusammenhang. Wenn man das international vergleicht…

 

faktuell.ch: sind wir super…

 

Heinz Locher: …ja, die Frage ist, wo wir super sind. Super sind wir sicher beim so genannten «access», beim Zugang. Noch! Jetzt haben wir aber die schwarze Liste, auf der immer mehr Leute stehen, die nicht mehr zum Arzt gehen können, weil sie die Rechnungen nicht bezahlen. Die Frage ist, müssen sie oder ich für 300 Franken Franchise und 700 Selbstbehalt Zugang zu 15'000 Ärzten haben? Könnte man mit dem Grundabonnement den Zugang nicht auf 1000 Ärzte beschränken? Das wäre keine echte Einschränkung. Und wenn ein Versicherter mehr will, muss eine Überweisung stattfinden.

 

faktuell.ch: Weshalb wehren sich die Versicherten nicht gegen die laufende Erhöhung der Prämien?

 

Heinz Locher: Weil sie eben zufrieden sind. Um sie aufzurütteln, müsste man ihnen einen «sense of urgency», ein Gefühl der Dringlichkeit vermitteln.

 

faktuell.ch: Und wie kriegen Sie das hin?

 

Heinz Locher: Es gibt die zynische Variante. Dort ansetzen, wo es weh tut. Das geht nicht. Da gehen die Leute unter. Das zeigt sich jetzt bei der schwarzen Liste. Ich finde das absolut skandalös. Wenn Sie die Prämie nicht mehr bezahlen können, kommen sie auf einen Status zwischen Strafgefangenem und Sans Papier. Es kann doch nicht sein, dass sie ihr Leben lang Prämien bezahlen und wenn sie klamm sind, dann nichts erhalten. Aber das wird knallhart durchgezogen. Da ist die Schwangere, die man im Spital nicht entbinden will, weil sie die Prämien nicht bezahlt hat. Solche Fälle gibt es immer häufiger. Leute im Strafvollzug und Asylbewerber sind obligatorisch versichert. Wenn aber ein ausländischer Dieb in der Schweiz in die Kiste kommt, dann ist er nicht KVG-versichert. Er muss den Arzt selber bezahlen. Er hat aber kein Geld. Konkreter Fall: Ein inhaftierter osteuropäischer Dieb hatte Nierensteine. Das ist sehr schmerzhaft, aber es besteht keine unmittelbare Lebensgefahr. Da wurde medizinisch nichts unternommen. Das ist das Niveau. Das ist die Realität. Und das weiss kaum jemand.

 

faktuell.ch: Sie wissen was zu tun wäre. Weshalb können sich Gesundheitsökonomen politisch nicht durchsetzen?

 

Heinz Locher: Wir haben ein Kartell der Versager: Kantone, Bund, Krankenkassen, Ärzte, Spitäler. Die tun sich gegenseitig nicht weh. Ich bin der Meinung, dass die Revolution nicht aus Bomben besteht, sondern dass man das System destabilisieren muss. Konstruktiv. Ein Weg, den ich vorschlage: Die Versorgungsverantwortung, die heute die Kantone haben, muss auf den Bund übergehen. Der will das zwar nicht und die Kantone sind auch nicht einverstanden. Aber immerhin haben wir ab 1848 auch die Schweizer Armee eingeführt, den Schweizer Franken, die SBB. Man fragte sich damals, auf welcher Ebene ein Problem gelöst werden muss und kam zum Schluss, dass die nationale Ebene die richtige ist. Das ist nicht ein Kantonsproblem.

 

faktuell.ch: Was heisst das heute für das Gesundheitswesen?

 

Heinz Locher: Wenn man das Gesundheitswesen neu auf Bundesebene ansiedeln würde, dann müssten sich sämtliche Akteure neu bewerben. Die Vögel würden auffliegen vom Telefondraht und man könnte mit Interesse zusehen, wo sie landen. Man müsste nicht alles, wie beispielsweise die Spitalplanung, eins zu eins von den Kantonen auf den Bund übertragen, sondern nur die Regulierungsebene ändern. Der gegenwärtige Gesundheitsminister Alain Berset hat hohen Respekt vor den Kantonen. Das ist realpolitisch vernünftig. Aber von der Sache her überhaupt nicht. Mit den Kantonen will der Bund nicht Krach haben, was heisst, dass keiner für etwas verantwortlich ist. Kollektive Verantwortungslosigkeit. Jeder macht, was er will, keiner was er soll und alle machen mit. Das System bleibt wie es ist, solange nicht eine Katastrophe passiert. Eine Katastrophe scheinen mir allerdings schon die 1000 bis 3000 Toten pro Jahr zu sei, die man vermeiden könnte. Das Gesundheitswesen ist wie Zivilluftfahrt eine Risikoindustrie. Und 20 bis 30 Jahre im Hintertreffen. In den 1990er-Jahren gab es viele Flugunfälle wegen der Hierarchie im Cockpit. Der Kopilot sieht den Fehler, wagt sich aber nicht, den Captain darauf hinzuweisen. Er muss jeden Captain kennen, um zu wissen wie weit er gehen kann, ohne dass seine Karriere im Eimer ist. Genauso ist es heute noch im Operationssaal. Die  assistierende Pflegefachfrau kann nicht einfach sagen, die Blutgruppe sei B, wenn der Herr Professor behauptet, es handle sich um A. Das ist die Hierarchie.

 

faktuell.ch: Es gibt Versicherte, die den Arzt regelmässig aus purer Langeweile oder Ängstlichkeit besuchen. Ist es denkbar, sie für überflüssige Konsultationen bezahlen zu lassen?

 

Heinz Locher: Ja, aber das macht den Braten nicht fett. Schlimm sind die Franchisen. Wer sagt, eine hohe Franchise sei Ausdruck der Selbstverantwortung, der erzählt völligen Nonsens. Eine hohe Franchise sollten – wenn schon - diejenigen wählen, die sie problemlos zahlen können. Leider wird sie aber von denen gewählt, die weder gesund sind, noch sie sich leisten können. Dann liegen sie finanziell am Boden. Solche Dinge muss man aufdecken. Ich bin der Einzige, der Bundesrat Berset, der gegen zu hohe Rabatte für hohe Franchisen war, öffentlich unterstützt hat. Es dürfte eigentlich gar keine höhere Wahlfranchise geben. Wer das Glück hat, gesund zu sein und Geld zu haben, der soll die Prämie bezahlen. Denn wegen der Rabatte fehlt Geld, mit dem man den Kranken helfen könnte. Es muss eine vermehrte Solidarität gesund – krank geben.

 

faktuell.ch:  Die Probleme liegen ausgebreitet vor uns. Woran hapert es politisch und wie lautet Ihr Appell an die grosse Politik, National- und Ständerat?

 

Heinz Locher: Für Gesundheitspolitik braucht es eine enorme Sachkenntnis.  Sonst macht man Blödsinn. Wir brauchen eine neue Generation von verantwortungsbewussten, kompromissbereiten Politikerinnen und Politikern, wie man sie in andern Politikbereichen findet. Steuerreformen und AHV-Revisionen kamen so zustande. Dort übernahmen Parlamentarier Verantwortung und stärkten damit natürlich auch den Bundesrat. Mein Appell: Übernehmt Verantwortung, zeigt Euch, ihr neuen Gesundheitspolitiker! Aber eben: Jeder, der in die Gesundheitskommission kommt, hat am nächsten Tag schon fünf Beirat- und Verwaltungsratssitze. Oder umgekehrt. Die schlimmste Lobby ist nicht die der Krankenkassen, sondern der Pharma. Wenn man den Beiräten der Krankenkassen einen Leistungslohn bezahlen würde, dann müssten die noch Geld herausgeben – bei dem was sie bewirken.

 

faktuell.ch: Also geht es nicht darum, Kosten zu dämmen, sondern das System zu ändern.

 

Heinz Locher: Es geht um Zugang und Qualität. In der Qualität sind wir nicht Weltmeister. Das wird einfach immer behauptet. Wir sind nicht schlecht, aber liegen nur etwa im oberen Drittel. Wir haben aber beispielsweise keine systematischen Qualitätsmessungen im ambulanten Bereich. Und wenn man nichts misst, kann man alles behaupten. Wir sind weit weg vom Idealzustand, insbesondere vom künftigen Idealzustand. Die eine Frage ist, kann die Volkswirtschaft die Kosten bezahlen. Die Antwort lautet ja. Die andere Frage lautet, ob die Finanzierung sozial ist. Die Antwort ist ein deutliches nein. Dort muss man stoppen. Die Betroffenen sollen sich wehren können. (veröffentlicht am 5. Juni 2018)

 


7-Jahres-Vergleich: Absolute Todesfallzahlen zeigen keine gefährliche Corona-Verschärfung

 

Obschon gemäss offiziellen Angaben die Corona-Ansteckungen seit Juni steigen und inzwischen auch die Todesfälle wieder zahlreicher würden, zeigen die absoluten Todesfallzahlen (mit, in Zusammenhang mit und ohne Covid-19 Verstorbene) bis 8. August keine auch nur annähernd signifikanten Veränderungen wie zuletzt im Herbst 2020 und in den ersten vier Wochen 2021.  

 

 

Hier die Vergleichszahlen der absoluten Todesfälle für den Zeitraum 29. Dezember 2020 bis 8. August 2021 für die Jahre 2015 bis 2021, wie sie das Bundesamt für Statistik wöchentlich erhebt:

 

2021: 39’734 absolute Todesfälle

 

2020: 41’266

 

2019: 40’825

 

2018: 40’629

 

2017: 40’259

 

2016: 38’216

 

2015: 42’036

 

 

 

 Aufgelistet nach Altersgruppen:

 

 

 

0 bis 19 Jahre

 

2021: 257 absolute Todesfälle, 2020: 290; 2019: 270; 2018: 294; 2017: 281; 2016: 280 und 2015: 303.

 

Fazit: Zumindest die mehr oder weniger ähnlichen absoluten Todesfallzahlen der letzten sieben Jahre (inklusive der beiden Corona-Jahre 2020/2021) liefern nach wie vor keine Begründung, diese Altersgruppe jetzt ab 12 Jahren zu impfen.

 

 

 

 20 bis 39 Jahre

 

2021: 438 absolute Todesfälle; 2020: 506; 2019: 469; 2018: 495; 2017: 482; 2016: 511 und 2015: 498.

 

Fazit: 2021 verzeichnet die tiefsten absoluten Todesfallzahlen in dieser Altersgruppe, die ansonsten über die Jahre ziemlich ausgeglichen sind. Alarmierende Hinweise, wonach sich neuerdings vermehrt Jüngere angesteckt und mit ungewissem Ausgang in Spitalpflege begeben müssten, scheinen zumindest was die allfällige Todesfolge betrifft unbegründet.

 

 

 

 40 bis 64 Jahre

 

2021: 4’125 absolute Todesfälle; 2020: 4’292; 2019: 4’181; 2018: 4’435; 2017: 4’296; 2016: 4’323 und 2015: 4'614.

 

Fazit: In dieser Altersgruppe gab es in den ersten 31 Wochen des Jahres 2021 deutlich weniger absolute Todesfälle als in allen anderen Jahren seit 2015, obschon sich das Virus seit einiger Zeit stark auf diese Jahrgänge ausbreiten soll.

 

 

 

 65 bis 79 Jahre

 

2021: 9'921 absolute Todesfälle; 2020: 10’214; 2019: 10’242; 2018: 10’042; 2017: 9’924; 2016: 9’506 und 2015: 10’284.

 

Fazit: Bei den 65- bis 79-Jährigen gibt es im Vergleich mit den beiden Corona-Jahren 2021 und 2020 keine auffälligen grösseren Verschiebungen der absoluten Todesfallzahlen.

 

 

 

80 Jahre und älter

 

2021: 24’669 absolute Todesfälle; 2020: 25’964; 2019: 25’666; 2018: 25’363; 2017: 25’276; 2016: 25’184 und 2015: 26’647.

 

Fazit: Seit 27 Wochen sterben in dieser Altersgruppe oft weniger Menschen pro Woche als in dieser Zeitspanne in den Jahren seit 2015, während zuvor von Oktober 2020 bis Anfang Februar 2021 vor allem aussergewöhnlich mehr 80-Jährige und ältere starben.

 

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Corona im 7-Jahres-Vergleich: Von der Übersterblichkeit zur Untersterblichkeit

Die Zahlen belegen es Woche für Woche unmissverständlich: In der Schweiz sterben in diesem Jahr deutlich weniger Menschen als im langjährigen Durchschnitt, es gibt im Ergebnis im 7-Jahres-Vergleich eine deutliche Untersterblichkeit. Nach der kurzen, von Oktober 2020 bis Januar 2021 (Wochen 43 bis 52 und Wochen 1 bis 4) dauernden Übersterblichkeit haben sich die absoluten Todesfallzahlen im Jahr für Jahr normalen Bereich eingependelt. Kurz: Es gibt bei Lichte betrachtet keinen Grund die einschränkenden Corona-Massnahmen beizubehalten statt zur Normalität zurückzukehren.

 

Über 10'000 Tote soll Covid-19 und seine Mutanten bis jetzt bei uns gefordert haben. Versuchen wir eine Annäherung mithilfe der Bundesstatistik. In den Wochen 43 bis 52 sind 2020 an, im Zusammenhang mit und ohne Corona 20'385 Menschen gestorben, 13'711 davon waren 80jährig und älter. Vergleicht man die absoluten Todesfälle von 2015 bis 2020 stellt sich heraus, dass auf dem Höhepunkt 2020 die Corona-bedingte Übersterblichkeit in diesem Zeitraum maximal zwischen 7'049 und 7’967 Todesopfer verursacht haben könnte. Was die Altersgruppe 80jährig und älter anbelangt, so beträgt der Anteil der Übersterblichkeit an den Todesfällen im gleichen Zeitraum zwischen maximal 5'454 und 6'277 absoluten Todesfällen.

 

Wie erwähnt, hat sich, gemessen an den Todesfällen, die tödlichste Virus-Phase in den ersten vier Wochen 2021 fortgesetzt. In Zahlen sieht der Vergleich so aus: Zwischen dem 29. Dezember 2020 und dem 25. Januar 2021 sind total 7'029 Menschen an, im Zusammenhang mit oder ohne gestorben, davon 4'705 in der Altersgruppe 80jährig und älter. Im Vergleich der Jahre beträgt die Übersterblichkeit 2021 im erwähnten Zeitraum maximal zwischen 38 und 1'366 absoluten Todesfällen.

 

Zusammengefasst sind bis jetzt maximal zwischen 7'087 und 9’333 Todesfälle irgendwie und möglicherweise auf Corona zurückzuführen, davon in der Altersgruppe 80jährig und älter zwischen 5'492 und 7'643 Todesfälle.

 

Seit dem 25. Januar 2021 hat der Wind gekehrt: Es ist seit 26 Wochen über alle Altersgruppen hinweg (0-19, 20 bis 39, 40 bis 64, 65 bis 79 sowie 80 und älter) eine den langjährigen Durchschnitt unterbietende Todesfallzahl festzustellen, mithin im Vergleich eine Untersterblichkeit. Anders als wissenschaftlich angenommen, sind jedenfalls die Todesfallzahlen mit Corona nicht explodiert.

 

Der scheidende Taskforce-Chef erklärt die verwegenen, meist zu Makulatur verkommenen Annahmen der wissenschaftlichen Berater des Bundesrates in Interviews mit dem bemerkenswerten Satz: «Wir haben den Faktor Mensch schlicht unterschätzt.»

 

Hier der guten Ordnung halber die Vergleichszahlen der absoluten Todesfälle für den Zeitraum 29. Dezember 2020 bis 1. August 2021 für die Jahre 2015 bis 2021, wie sie das Bundesamt für Statistik Woche für Woche erhebt:

 

2021: 38'625 absolute Todesfälle

 

2020: 39’986

 

2019: 39’686

 

2018: 39’365

 

2017: 39’059

 

2016: 37’103

 

2015: 40’896

 

 

 

 Aufgelistet nach Altersgruppen:

 

 

 

0 bis 19 Jahre

 

2021: 252 absolute Todesfälle, 2020: 283; 2019: 258; 2018: 283; 2017: 267; 2016: 273 und 2015: 297.

 

Fazit: Zumindest die mehr oder weniger ähnlichen absoluten Todesfallzahlen der letzten sieben Jahre liefern nach wie vor keine Begründung, diese Altersgruppe ab 12 Jahren jetzt zu impfen.

 

 

 

 20 bis 39 Jahre

 

2021: 426 absolute Todesfälle; 2020: 488; 2019: 451; 2018: 479; 2017: 467; 2016: 492 und 2015: 479.

 

Fazit: 2021 verzeichnet die tiefsten absoluten Todesfallzahlen in dieser Altersgruppe, die ansonsten über die Jahre ziemlich ausgeglichen sind. Geäusserte Befürchtungen, wonach vermehrt Jüngere sich mit ungewissem Ausgang in Spitalpflege begeben müssen, scheinen zumindest was die allfällige Todesfolge betrifft unbegründet.

 

 

 

 40 bis 64 Jahre

 

2021: 4’001 absolute Todesfälle; 2020: 4’129; 2019: 4’060; 2018: 4’271; 2017: 4’152; 2016: 4’159 und 2015: 4'471

 

Fazit: In dieser Altersgruppe gab es in den ersten 30 Wochen des Jahres 2021 deutlich weniger absolute Todesfälle als in allen anderen Jahren seit 2015, obschon sich das Virus seit einiger Zeit stark auf diese Jahrgänge ausbreitet.

 

 

 

 65 bis 79 Jahre

 

2021: 9'955 absolute Todesfälle; 2020: 9’920; 2019: 9'956; 2018: 9'717; 2017: 9’638; 2016: 9’232 und 2015: 10’012.

 

Fazit: Bei den 65- bis 79-Jährigen gibt es (ausgenommen 2016) nach wie vor keine auffälligen grösseren Verschiebungen der absoluten Todesfallzahlen weder zur einen noch zur anderen Seite.

 

 

 

  80 Jahre und älter

 

2021: 23'991 absolute Todesfälle; 2020: 25’166; 2019: 24’964; 2018: 24’615; 2017: 24’535; 2016: 22’947 und 2015: 25’947.

 

Fazit: Seit 26 Wochen sterben in dieser Altersgruppe oft weniger Menschen pro Woche als in dieser Zeitspanne in den Jahren seit 2015, während zuvor von Oktober 2020 bis Anfang Februar 2021 vor allem aussergewöhnlich mehr 80-Jährige und ältere starben.

 

CF

 

7-Jahres-Vergleich: Rechtfertigt die Faktenlage die konzertierte Impfkampagne?

 

2015, dem Jahr mit dem schweren Grippevirus, zählten die Statistiker in der Schweiz in den ersten 29 Wochen ohne jegliche Impfdramatisierung Tag für Tag 11 absolute Todesfälle mehr als 2021, dem Jahr mit den stärksten Einschränkungen der bürgerlichen Freiheitsrechte seit dem zweiten Weltkrieg.  

 

 

Neben den Zahlen, die im Zusammenhang mit Corona offiziell und letztlich ohne überprüfbare Quellenangabe veröffentlicht werden, ist die Zahl der absoluten Todesfälle, die das Bundesamt für Statistik wöchentlich publiziert, die verlässlichste. Sie umfasst alle Todesfälle, also alle an, im Zusammenhang mit oder ohne Covid-19 Verstorbenen, soweit die Todesursache überhaupt so klar zugewiesen werden kann.

 

Hier die Vergleichszahlen der absoluten Todesfälle für den Zeitraum 29. Dezember 2020 bis 25. Juli 2021 für die Jahre 2015 bis 2021:

 

 

 

2021: 37’480 absolute Todesfälle

 

2020: 38’830

 

2019: 38’429

 

2018: 38’143

 

2017: 37’938

 

2016: 35’922

 

2015: 39’722

 

 

 

Aufgelistet nach Altersgruppen:

 

0 bis 19 Jahre

 

2021: 247 absolute Todesfälle, 2020: 267; 2019: 246; 2018: 279; 2017: 255; 2016: 263 und 2015: 290.

 

Fazit: Zumindest die mehr oder weniger ähnlichen absoluten Todesfallzahlen liefern keine Begründung, diese Altersgruppe ab 12 Jahren jetzt forciert zu impfen.

 

 

 

20 bis 39 Jahre

 

2021: 415 absolute Todesfälle; 2020: 473; 2019: 440; 2018: 457; 2017: 450; 2016: 473 und 2015: 464.

 

Fazit: Es gibt in all den Jahren keine grossen Unterschiede, was die absoluten Todesfallzahlen betrifft.

 

 

 

40 bis 64 Jahre

 

2021: 3'877 absolute Todesfälle; 2020: 3’990; 2019: 3’941; 2018: 4’121; 2017: 4’024; 2016: 4’023 und 2015: 4'338.

 

Fazit: In dieser Altersgruppe gab es in den ersten 29 Wochen des Jahres 2021 mehr absolute Todesfälle als in allen anderen Jahren seit 2015.

 

 

 

65 bis 79 Jahre

 

2021: 9'647 absolute Todesfälle; 2020: 9’638; 2019: 9'614; 2018: 9'401; 2017: 9’348; 2016: 8’941 und 2015: 9’692.

 

Fazit: Bei den 65- bis 79-Jährigen gibt es (ausgenommen 2016) keine grösseren Verschiebungen der absoluten Todesfallzahlen weder zur einen noch zur anderen Seite.

 

 

 

 80 Jahre und älter

 

2021: 23’294 absolute Todesfälle; 2020: 24’462; 2019: 24’188; 2018: 23’885; 2017: 23'861; 2016: 22’222 und 2015: 24'938.

 

Fazit: Die statistisch erfassten absoluten Todesfälle mitten sich im Vergleich zusehends ein. Seit 13 Wochen gibt es in dieser Altersgruppe nach vorher teilweise grossen Unterschieden keine signifikanten Abstände mehr, obschon um die 80 Prozent inzwischen doppelt geimpft sein sollen. Womöglich hat die Impfung 2021 viele Greise am Leben gehalten, doch sind sie – wie in dieser Altersgruppe üblich – dann doch noch altersbedingt gestorben.

 

 CF

 

 

 

Grippevirus versus Covid-19: Absolute Todeszahlen im Sechsjahresvergleich

Um die Bösartigkeit von Covid-19 und die Verhältnismässigkeit der getroffenen Massnahmen zu beurteilen, ist möglicherweise ein Vergleich der absoluten Todeszahlen, wie sie das Bundesamt für Statistik (BfS) wöchentlich erfasst (und laufend verändert), aufschlussreich. Bis zur Woche 43 (ab 19. Oktober) ist der Unterschied der Zahl der Todesopfer im Vergleich zwischen 2020 und 2015 trotz der einschränkenden Massnahmen gering; erst danach sind die Todeszahlen 2020 stark gestiegen.

 

 

2020: 74'180

 

 

 

2019: 67'515         - 6'665

 

 

 

2018:  66'888        - 7'292

 

 

 

2017:  66'703        - 7'477

 

 

 

2016:  64'649        - 9'531

 

 

 

2015:  67'468         - 6'712

 

 

Im schweren Grippejahr 2015 sind bis zur 52. Woche insgesamt 6'712 Menschen weniger gestorben als 2020. In diesem Vergleich enthalten sind rund 500 ausserordentliche Hitzetote im Sommer 2015. 2019 sind vergleichsweise noch weniger Menschen gestorben als im schweren Grippejahr 2015, nämlich 6'655.

 

 

80 Jahre und mehr

 

 

 

2020: 47'545

 

 

 

 

 

2019: 42'017          - 5'528

 

 

 

2018: 41'399          - 6'146

 

 

 

2017: 40'612          - 6'933

 

 

 

2016: 39'067          - 8'478

 

 

 

2015: 41'617          - 5'928

 

 

Im schweren Grippejahr 2015 sind in der Altersgruppe 80 und älter 5'928 Menschen weniger gestorben als 2020; im normalen Grippejahr waren es mit 5'528 noch weniger.

 

 

65 bis 79 Jahre

 

 

 

2020: 18'222

 

 

 

2019: 17'153         - 1'069

 

 

 

2018: 16'724         - 1'498

 

 

 

2017: 16'627          - 1'595

 

 

 

2016: 16'191          - 2'031

 

 

 

2015: 16'911          - 1'311

 

 

Im schweren Grippejahr 2015 sind in der Altersgruppe 65 bis 79 Jahre 1'311 Menschen weniger gestorben als 2020, im normalen Grippejahr 2019 waren es mit 1'069 noch weniger.

 

 

 

40 bis 64 Jahre

 

 

 

2020: 7'115

 

 

 

2019: 7'106           - 9

 

 

 

2018: 7'452           + 337

 

 

 

2017: 7'376           + 261

 

 

 

2016: 7'359           + 244

 

 

 

2015: 7'806           + 691

 

 

 

Im schweren Grippejahr 2015 sind in der Altersgruppe 40 bis 64 Jahre 691 Menschen mehr gestorben als 2020.

 

 

20 bis 39 Jahre

 

 

 

2020: 824

 

 

 

2019: 786              - 38

 

 

 

2018: 809              - 19

 

 

 

2017: 860              + 36

 

 

 

2016: 837              + 13

 

 

 

2015: 861              + 37

 

 

 

Im schweren Grippejahr 2015 sind in der Altersgruppe 20 bis 39 Jahre 37 Menschen mehr gestorben als 2020; Im normalen Grippejahr 2017 waren es gar 36 Menschen mehr.

 

 

0 bis 19 Jahre

 

 

 

2020: 491

 

 

 

2019: 453              - 38

 

 

 

2018: 504              + 13

 

 

 

2017: 489              - 2

 

 

 

2016: 460              - 31

 

 

 

2015: 543               + 52

 

 

 

Im schweren Grippejahr 2015 sind in der Altersgruppe 0 bis 19 Jahre 52 Menschen mehr gestorben als 2020.

 

 

Bevölkerungsentwicklung 2015 bis 2019 (Stand jeweils 31. Dezember)

 

2019:  8 606 033     8 606 033      

2018:  8 544 527     -   61'506     

2017:  8 484 130     -  121'903

2016:  8 419 550     -  186'483

2015: 8 327 126      -  278'907

 

Bis Ende 2020 dürfte die Bevölkerung in der Schweiz gegenüber 2015 um rund 350'000 Personen zugenommen haben.

 

CF


Die Demografiekeule zeigt erste Abnützungserscheinungen

Die Bevölkerungswissenschaft hat das Potenzial, mit ihren statistischen Prognosen Angst und Schrecken zu verbreiten. Wann immer die künftige Finanzierbarkeit der Sozialversicherungen debattiert wird, ersetzt der Griff zur „Demografie-Keule“ das pragmatische Denken. Dabei gehen die positiven Entwicklungen im Umfeld der Sozialversicherungspalette gänzlich unter - zum Beispiel, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von Mann und Frau in der Schweiz den Höhepunkt erreicht, vielleicht sogar überschritten haben könnte.

Demografiekeule

Vor nicht allzu langer Zeit hat das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) eingeräumt, dass die „wissenschaftlichen“ Finanzperspektiven der vergangenen Jahre „die finanzielle Lage der AHV in der Tendenz zu pessimistisch einschätzten“. Einer der Gründe: Die AHV-pflichtigen Durchschnittslöhne haben sich stärker entwickelt als der Schweizerische Lohnindex. Ein anderer Grund: Nicht nur die Löhne der vorhandenen Stellen steigen, sondern der Strukturwandel der Wirtschaft führt auch zu produktiveren und besser bezahlten Stellen, was die Einnahmen der Sozialversicherungen ebenfalls verbessert.

 

Selbstverständlich hat auch der Zuzug und Wegzug von Arbeitskräften Auswirkungen auf Einnahmen und Ausgaben der Sozialversicherungen. Ein hoher Wanderungssaldo wirkt dämpfend auf den Altersquotienten, auf das Verhältnis zwischen Rentenberechtigten und Aktiven. Auch hier haben sich die Annahmen der Experten wiederholt als falsch herausgestellt: Erst liessen sie sich von der Annahme leiten, dass sich der Wanderungssaldo bis im Jahr 2030 auf der Höhe von 15‘000 Personen einpendeln würde. Dann, aufgrund der Entwicklung in den Jahren 2000 bis 2009 mit einem Wanderungssaldo von durchschnittlich 52‘000 Personen, hat das BSV seine Annahme korrigiert – neu soll sich der Wanderungssaldo bis 2030 bei jährlich 40‘000 einpendeln. Doch die Bilanz der ständigen Wohnbevölkerung des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigt ein anderes Bild: Von 2009 bis 2014 betrug der Wanderungssaldo durchschnittlich 74‘000 Personen – gegen 25‘000 mehr als erwartet, mithin ein für die Einnahmen der AHV günstiges Signal.

 

Nur am Rande sei vermerkt, dass der positive Wanderungssaldo leicht getrübt wird, weil in den letzten sechs Jahren die Schweizer zahlreicher ausgewandert als wieder zurückgekommen sind. Der negative Wanderungssaldo der Schweiz macht in den Jahren 2009 bis 2014 jährlich rund 4000 Personen aus. Betrachtet man die Staatsangehörigkeit der auf 8,2 Millionen Personen gewachsenen Schweiz, so hat daneben nur ein Land, nämlich Kroatien, einen negativen Wanderungssaldo ausgewiesen (2010 und 2013).

 

Und auch der Nachwuchs stellt sich wieder zahlreicher ein: Mit 86‘559 Lebendgeborenen verzeichnen die Geburtenabteilungen 2015 eines der besten Ergebnisse in den letzten 45 Jahren, genauer: nur fünfmal gab es mehr Lebendgeburten. Dabei hat sich das Verhältnis zwischen Schweizer und ausländischem Nachwuchs nicht gross verändert: Auf drei Schweizer Babys kommt ein ausländisches.

 

Dem „Geburtenboom“ steht eine in den letzten Jahren mit 62-63‘000 Toten fast unveränderte Sterblichkeit gegenüber, was im Jahr 2014 einen rekordhohen „Geburtenüberschuss“ von 21‘349 ergab. 2015 ist sowohl die Zahl der Geburten gestiegen (86'559) wie auch jene der Todesfälle (67'606), der "Geburtenüberschuss" unter dem Strich mithin etwas kleiner  (18'953) als vor Jahresfrist.

 

Bemerkenswert ist auch, wie kräftig sich das Durchschnittsalter der Mütter in den letzten 45 Jahren verändert hat. 2015 ist es erneut um einen Zehntel auf 31,8 Jahre gestiegen.  Und der Trend zu "alten" Müttern bestätigt sich weiter: Im vergangenen Jahr waren 31,2 Prozent der Frauen bei der Geburt ihrer Kinder 34jährig oder älter, 38,1 Prozent 30- bis 34jährig. Diese grossen Veränderungen zeichnen sich seit dem Jahr 2000 ab. Damals haben die 30- bis 34jährigen die 25- bis 29jährigen anteilmässig an der Spitze abgelöst . Inzwischen sind selbst die Mütter im Alter von 34 Jahren und mehr deutlich zahlreicher als jene im Alter von 25 bis 29 Jahren. Die Mütter im Alter von 25 Jahren und jünger, die 1970 mit 33,1 Prozent den zweitgrössten Anteil ausmachten, sind 2015 noch auf einen Antei von 7,2 Prozent gekommen.

 

Viele für die nachhaltige Finanzierung der Sozialversicherungen positiven Nachrichten werden jetzt noch getopt: Das BFS hat – von den Medien weitgehend unbeachtet – zum 14. Mal seine Bildungsperspektiven in drei Szenarien für die Jahre 2015 bis 2025 veröffentlicht. Dabei führte die Aktualisierung des mittleren Szenarios zur Bevölkerungsentwicklung zu einer deutlichen Revision nach oben, und zwar sowohl der Geburtenzahl als auch der Anzahl Kinder, die in den kommenden Jahren ihre Schulzeit beginnen werden.

 

Die neuen Szenarien bestätigen, dass der seit zehn Jahren anhaltende Rückgang der „Lernenden-Bestände“ der gesamten obligatorischen Schule beendet ist und sich für das nächste Jahrzehnt bereits ein Anstieg abzeichnet. Gemäss dem Referenzszenario nimmt die Gesamtzahl der Lernenden der obligatorischen Schule (2013: 704‘000) wieder zu und dürften bis 2024 insgesamt 800‘000 Schüler umfassen. Und aufgrund der Geburtenzunahme in den letzten zehn Jahren, die sich in den nächsten Jahren fortsetzen dürfte, geht das BFS davon aus, dass auf Vorschulstufe die seit 2017 gewachsenen „Bestände“ (2013: 162‘000) weiter zunehmen, von 2014 bis 2024 um 14 Prozent auf 190‘000.

 

Zu guter Letzt kommt auch noch das in der Sozialpolitik oft und gern eingesetzte demografische "Killerargument" ins Wanken, wonach die Menschen immer älter werden: Zum ersten Mal seit über 20 Jahren ist die statistische Lebenserwartung, wie sie das BFS jährlich publiziert, rückläufig: für 2015 geborene Frauen sinkt die Lebenserwartung um 0,3 auf 84,9 Jahre, für 2015 geborene Männer ebenfalls um 0,3 auf 80,7 Jahre.

 

Ähnliches wird aus den USA berichtet. Zum ersten Mal seit 1993 ist 2015 gemäss einer neuen Studie die Lebenserwartung bei der Geburt im Durchschnitt der gesamten Bevölkerung der USA gesunken, berichtete unlängst die "NZZ".

 

Eine Zufälligkeit oder mehr? Ist der Höhepunkt der durchschnittlichen Langlebigkeit erreicht oder gar schon überschritten? Noch scheinen die Gründe für den Rückgang der Lebenserwartung bei der Geburt im letzten Jahr nicht klar. Immerhin müsste all jenen, die in den Gazetten das grosse Wort über die ständig steigende Lebenserwartung führen, etwa zu denken geben: Auffällig ist in der amerikanischen Studie, dass die fallende Kurve der Sterberate bei sämtlichen wichtigen Bevölkerungsgruppe bereits seit einigen Jahren abflacht. (veröffentlicht am 16.12.2016)

 


Innerhalb von drei Jahre zweimal sinkende Lebenserwartung

Seit 2015 scheint nicht mehr sicher, dass sich die Lebenserwartung in der Schweiz ständig erhöht. Fast unbemerkt kommt den Pensionskassen und Lebensversicherern ihr demografisches Killerargument abhanden. Doch die Bundesstatistiker (BFS) halten unbeirrt am allgemeinen Aufwärtstrend fest – obschon sich 2015 und 2017 nach Jahrzehnten (genau seit 1948) erstmals zeigte, dass die Steigerung der Lebenserwartung aussetzte.

 

2017 betrug der Unterschied zwischen der Lebenserwartung der Frauen und jener der Männer noch knapp vier Jahre, im Jahr 2001 waren es noch 5,7 Jahre. Vor dem Hintergrund der scheinbar unaufhaltsamen Alterung, die heute die ganze Debatte um die Langzeitfinanzierung der Renten dominiert, ist von besonderem Interesse, dass die Zeit der grossen Alterungssprünge möglicherweise vorbei ist.

 

2017 sank die verbleibende Lebenserwartung von 65-jährigen Männer von 19,8 Jahren im Jahr 2016 auf 19,7 Jahre im Jahr 2017, bei den Frauen von 22,6 auf 22,5 Jahre.

 

Wie 2015 wird der leichte Rückgang der verbleibenden Lebenserwartung für 65-Jährige auch 2017 mit der Grippewelle begründet: Die «Übersterblichkeit» (BFS) sei mithin nicht nachhaltig, sondern zeige nur kurzfristige Auswirkungen. Die Bundesstatistiker, nicht selten waghalsiger Annahmen bis ins Jahr 2060 nicht abgeneigt, machen geltend, dass für einen nachhaltigen Befund die sogenannte Sterbetafel über einen Zeitraum von sechs Jahren beobachtet werden müsse.

 

Keine Begründung liefert das BFS für ein in diesem Zusammenhang bisher völlig unbemerktes Phänomen: Seit 1995, mithin seit fast 23 Jahren sterben in der Schweiz deutlich mehr Frauen als Männer – in den letzten Jahren jährlich über 2000 mehr. Der Wechsel im Jahr 1995 war abrupt. Denn vorher waren ein halbes Jahrhundert lang Jahr für Jahr mehr Männer als Frauen gestorben.

 

Solche abrupten Wechsel kontrastieren mit der gerade in der Sozialpolitik und der Finanzierung der Sozialwerke beliebten Panikmache mittels der linearen Fortschreibung von Annahmen/Prognosen. (veröffentlicht am 19.7.2018)

 


Die neusten Pflegeheimkosten im kantonalen Vergleich

Seit 2014 sind die stationären Pflegekosten in Alters- und Pflegeheimen (APH) um rund eine Milliarde Franken auf 10,4 Mrd. (2018) gestiegen. Ein stationärer Pflegeheimplatz kostete 2018 im Durchschnitt 9’468 Franken im Monat, 311 Franken im Tag und 113'617 Franken im Jahr. Am teuersten ist ein Pflegeplatz wie vor fünf Jahren in Kanton Genf mit über 12 000 Franken im Monat, am günstigsten im Kanton Glarus mit 6’656 Franken. Die durchschnittliche Dauer der APH-Aufenthalte, die 2018 endeten, belief sich auf 890 Tage und entspricht damit durchschnittlichen Kosten von rund 277'000 Franken. Bestätigt hat sich ein leichter Trend zu sinkender Aufenthaltsdauer. 2014 lag sie noch bei 925 Tagen, was damals Durchschnittskosten von 267'000 Franken entsprach.

 

Interessiert, was in Ihrem Kanton der Aufenthalt in einem APH kostet? faktuell.ch hat es für Sie ausgerechnet – gestützt auf das jüngste Zahlenmaterial des Bundesamtes für Statistik vom November 2019.

 

Alters- und Pflegeheimkosten 2018 (in Klammern der Vergleich mit 2014)

 

1.  GE: 401 (2014: 401) Franken/Tag, 146’452 (146'328) Franken/Jahr, 12'204 (12'194) Franken/Monat

 

2.   ZH:  354 Franken (2014: 326) Franken/Tag, 129'124 (118'996) Franken/Jahr, 10'760 (9'916) Franken/Monat

 

3.   FR: 349 (325) Franken/Tag, 127’423 (118'659) Franken/Jahr, 10’619 (9'888) Franken/Monat

 

4.   NE: 337 (314) Franken/Tag, 123’005 (114'585) Franken/Jahr, 10’250 (9‘549) Franken/Monat

 

5.   BL:  335 (330) Franken/Tag, 122’106 (120'440) Franken/Jahr, 10’176 (10'037) Franken/Monat

 

6.   BS:  333 (310) Franken/Tag, 121’610 (113'159) Franken/Jahr, 10’134 (9‘430) Franken/Monat

 

7.   VD:  325 (307) Franken/Tag, 118’553 (112'065) Franken/Jahr, 9’879 (9'338) Franken/Monat

 

8.   TI: 313 (283) Franken/Tag, 114’179 (103'372) Franken/Jahr, 8'821 (8‘614) Franken/Monat

 

9.  ZG: 310 (274) Franken/Tag, 113’078 (100'119) Franken/Jahr, 9’423 (8‘343) Franken/Monat

 

10.  GR: 298 (281) Franken/Tag, 108'919 (102'451) Franken/Jahr, 9’077 (8‘538) Franken/Monat

 

11.   LU: 297 (279) Franken/Tag, 108’416 (101'787) Franken/Jahr, 9’515 (8'482) Franken/Monat

 

12.  JU: 295 (284) Franken/Tag, 107’755 (103'372) Franken/Jahr, 8'980 (8‘632) Franken/Monat

 

13.  AG: 295 (279) Franken/Tag, 107’475 (101'669) Franken/Jahr, 8'956 (8‘472) Franken/Monat

 

14.  SZ: 288 (267) Franken/Tag, 105’090 (97'350) Franken/Jahr, 8’758 (8'113) Franken/Monat

 

15.  OW: 291 (275) Franken/Tag, 106’174 (100'303) Franken/Jahr, 8'848 (8‘359) Franken/Monat

 

16.  BE: 291 (278) Franken/Tag, 106’021 (101'438) Franken/Jahr, 8835 (8‘453) Franken/Monat

 

17.  SO: 282 (268) Franken/Tag, 103’078 (97'919) Franken/Jahr, 8'590 (8‘160) Franken/Monat

 

18.  VS: 277 (260) Franken/Tag, 101’254 (94'733) Franken/Jahr, 8’438 (7‘894) Franken/Monat

 

19.  TG: 275 (249) Franken/Tag, 100’194 (90'860) Franken/Jahr, 8’350 (7‘572) Franken/Monat

 

Unter 100'000 Franken pro Jahr:

 

20.  AI: 269 (241) Franken/Tag, 98’503 (88'057) Franken/Jahr, 8’209 (7'338) Franken/Monat

 

21.  NW: 269 (256) Franken/Tag, 98’326 (93'283) Franken/Jahr, 8’194 (7‘774) Franken/Monat

 

22.  SH: 265 (259) Franken/Tag, 96’785 (94'558) Franken/Jahr, 8’056 (7‘880) Franken/Monat

 

23.  UR: 261 (245) Franken/Tag, 95'226 (89'330) Franken/Jahr, 7'936 (7‘444) Franken/Monat

 

24.  SG: 255 (244) Franken/Tag, 92’906 (89'130) Franken/Jahr, 7’742 (7‘428) Franken/Monat

 

25.  AR: 252 (232) Franken/Tag, 91’827 (84'717) Franken/Jahr, 7’652 (7'060) Franken/Monat

 

27. GL:  219 (207) Franken/Tag, 79’869 (75'580) Franken/Jahr, 6'656 (6‘298) Franken/Monat

 


Gehört der "Goldesel" zum System der Arbeitslosenversicherung?

Die nach wie vor verschuldete Arbeitslosenversicherung (ALV) unterstützt mit Steuergeldern Gewinn maximierende Arbeitslosenkassen – vorab jene, die pauschal abrechnen. Fakenews? I wo!

 

Zunächst zu den Zahlen des Jahres 2017, wie sie das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) in seinem Jahresbericht festhält. Die ALV hat 2017 mit einem Gewinn von knapp 400 Millionen abgeschlossen, unter dem Strich bleibt aber eine Schuld von knapp einer Milliarde Franken, plus ein laufendes Darlehen von 2,5 Milliarden Franken.

 

Gut 500 Millionen Franken oder 0,159 Prozent der beitragspflichtigen Lohnsumme betragen die Leistungen des Bundes an die ALV. Der Bund beteiligt sich damit an den Kosten für Vermittlung und arbeitsmarktliche Massnahmen, heisst es in der Staatsrechnung des Bundes zur Verwendung dieser Steuergelder.

 

Diese halbe Milliarde findet in den Berechnungen der Verwaltungskosten der ALV durch die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) ebenso wenig statt wie in einer Evaluation des Steuerungssystems der Arbeitslosenkassen in einer Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO), beides publiziert 2018.

 

Gemäss EFK und SECO belaufen sich die Verwaltungskosten der ALV auf rund 200 Millionen Franken. Ein Viertel oder 50 Millionen davon könnten eingespart werden, wenn alle 33 Arbeitslosenkassen so effizient arbeiten würden wie die beste von ihnen.

 

Geht es nach dem Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) belaufen sich die Verwaltungskosten der ALV, die in den letzten 20 Jahren explodierten, nicht nur auf 200, sondern auf über 700 Millionen Franken, 2017 auf genau 727,6 Millionen und damit 1,2 Prozent mehr als im Vorjahr.

 

Die Differenz zwischen EFK und BSV entspricht exakt der halben Milliarde, die der Bund gesetzlich gebunden an die ALV überweist. Daran ist nichts anstössig, ebenso wenig wie zum Beispiel an der gesetzlich gebundenen 20prozentigen Bundesunterstützung der AHV (inkl. zwei Raucher-Milliarden und 500 Spielkasino-Millionen).

 

Was die ALV-Unterstützung unterscheidet, ist die Praxis der 33 Arbeitslosenkassen. Es geht dabei um Gewinnmaximierung. Und, etwas brisanter, es geht um Gewinnverteilung.

 

Doch eins nach dem andern.

 

«Die Anzahl der Akteure im Bereich der ALV ist sehr umfangreich», schreibt die EFK in ihrer Untersuchung und empfiehlt eine Schlankheitskur. Denn bei Lichte betrachtet ist die ALV ein Bürokratiemonster: 25 öffentliche Arbeitslosenkassen, 8 private Arbeitslosenkassen, 169 Zahlstellen (52 öffentliche und 119 private), 4 regionale Konferenzen, 6 Kommissionen der Arbeitslosenkassen, 26 kantonale Amtsstellen, 24 Logistikstellen für arbeitsmarktliche Massnahmen, 115 regionale Arbeitsvermittlungszentren, 1 Verband von Arbeitslosenkassen der privaten Wirtschaft, 1 Verband der öffentlichen Arbeitslosenkassen, 1 Ausschuss der Arbeitslosenkassen, diverse Erfahrungsaustauschgruppen, diverse Arbeitsgruppen und zusätzlich werden zum Beispiel für Evaluationen punktuell Experten beigezogen.

 

Das Arbeitslosenversicherungsgesetz (AVIG) umfasst über 120 und die Verordnung dazu über 130 Artikel. Für die praktische Anwendung des umfangreichen Gesetzeswerkes stellt die Ausgleichsstelle Handbücher im Gesamtumfang von über 700 Seiten zur Verfügung.

 

Über 1400 Fachkräfte-Vollzeitstellen sind in den Arbeitslosenkassen damit beschäftigt, in den Informatiksystemen die notwendigen Daten für eine korrekte Auszahlung von Arbeitslosengeldern zu pflegen. Die mit dem Vollzug beauftragten Stellen führen ausgedehnte Kontrollen durch. Die Einarbeitungszeit für neue Fachkräfte beläuft sich auf ca. 1,5 Jahre.

 

Hinzu kommen über 1900 Mitarbeitende der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) und viele weitere Akteure, die im aktuellen ALV-System benötigt werden.

 

Seit dem Jahr 2000 werden zwischen dem federführenden Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) und den Trägern der Arbeitslosenkassen Leistungsvereinbarungen abgeschlossen. Schreiben die Arbeitslosenkassen rote Zahlen, geht’s zulasten der öffentlichen und privaten Träger; gibt’s Gewinne, kommen sie den Kassen zugute, aber nicht der defizitären ALV.

 

Ein ausgeklügeltes Punktesystem soll dafür sorgen, dass Verwaltungskosten und gesetzliche Aufgaben nicht auseinanderdriften. Idealerweise werden tiefere Verwaltungskosten per verstärkter Effizienz ohne Leistungseinbussen erwartet. Das Schlüsselwort heisst «Anreiz». Es gilt für alle 33 Kassen, von denen heute 8 pauschal und 25 kostenberechnend abrechnen.

 

Wer «Anreize» ins Spiel bringt, erwartet sich davon besondere Anstrengungen. Wie sieht es damit aus? Die SECO-Studie schreibt, etwas verkürzt: Zu einfach ist es einerseits für die meisten kostenabrechnenden Kassen in sicherer Distanz zur Malus- bzw. Verlustzone zu bleiben; zu einfach ist es auf der anderen Seite für Pauschalkassen, erhebliche Gewinne zu erzielen. Und festgestellt wird überdies: Der geringe Kostendruck der heutigen Leistungsvereinbarung verhindert, dass die Kassen bewusst Qualitätseinbussen in Kauf nehmen, um die Kosten zu minimieren.

 

Von acht der zehn in der SECO-Studie befragten kostenabrechnenden Kassen, die in den vergangenen Jahren schon nennenswerte Boni erwirtschaftet haben, stellen sieben Kassen einen Teil jeweils als Reserve zurück. Eine (private) Kasse führt allfällige Boni als Gewinn an den Träger ab. Sechs Kassen verwenden den Bonus teilweise für Mitarbeiteranlässe oder spontane Geschenke an die Mitarbeitenden. Eine der befragten effektiv abrechnenden Kassen zahlt einen Teil des Bonus auch als Prämie an die Mitarbeitenden aus.

 

Von jenen sechs der sieben befragten Pauschalkassen, die nach eigenen Angaben zumindest keine Verluste machen, führen vier einen Teil oder den gesamten allfälligen Überschuss als Gewinn an den Träger der Kasse ab. Drei Kassen verbuchen einen Teil des Gewinns als Rückstellung. Eine Kasse überträgt einen Teil des Überschusses an einen zweckgebundenen Arbeitsmarktfonds. Diese Kasse zahlt im Falle eines Gewinns ausserdem den Mitarbeitenden der Kasse eine Prämie (in der Höhe von jährlich maximal einem Monatslohn).

 

Allfällige Verluste gehen bei den Pauschalkassen und den kostendeckenden Kassen zulasten ihrer Träger. Und die Moral von der Geschichte: Mit einer Ausnahme haben sämtliche Chefs der befragten kostenabrechnenden Kassen sowie einer Pauschalkasse ihr Unverständnis und Missfallen zum Ausdruck gebracht, dass die defizitäre Arbeitslosenversicherung den Pauschalkassen erlaube, erhebliche Gewinne zu erzielen und diese an die Träger abzuführen. Auch zwei der vier befragten Arbeitsämter beurteilen dies als kritisch. In Analogie zur Bonusobergrenze bei den effektiv abrechnenden Kassen empfehlen deshalb mehrere Kassenchefs, auch die maximal zulässigen Gewinne der Pauschalkassen zu begrenzen.

 

Gelegenheit dazu bietet die neue Leistungsvereinbarung für die Jahre 2019 bis 2023.

 


Ausgesteuert und vom Arbeitsmarkt verstossen – was dann?

Im Laufe des Jahres 2017 sind in der Schweiz 39'816 Personen aus der Arbeitslosenversicherung (ALV) ausgesteuert worden - im Durchschnitt pro Monat 3292 Personen. In den 2000er-Jahren sind bisher nur zweimal mehr Menschen vom Arbeitsmarkt vorübergehend oder ganz verstossen worden.