Hintergrund

Die Kriegsverkäufer: Die Medien im Krieg - am Beispiel der USA

 

Im Krieg werden auch in Demokratien Presse- und Meinungsfreiheit zugunsten der

nationalen Sicherheit eingeschränkt. Nach welchem Muster Regierung und Militär in den USA die öffentliche Meinung vom Ersten Weltkrieg bis zum Irakkrieg lenkten und weshalb sich Medien selbst zensieren, analysiert der deutsche Journalist und promovierte Historiker Andreas Elter nach mehrmonatigen Recherchen in US-Archiven in seinem bis heute aktuellen Buch von 2005 (dritte Auflage: 2015). Schon damals prognostizierte Elter, im Zeitalter des Internets werde die Kriegspropaganda eine weitere Entwicklungsstufe nehmen, wie schon oft in ihrer Geschichte.

 

 

Die USA bieten sich dem Autor als Untersuchungsbeispiel an, weil sie eine Weltmacht sind und alle ihre Kriege mit dem Kampf für Freiheit und Demokratie rechtfertigen. Zudem seien die USA in der Medien- und Kommunikationstechnik führend, ohne die Massenpropaganda gar nicht denkbar wäre. Propaganda werde in allen politischen Systemen betrieben, auch in Demokratien.

 

 

 

Das meinungspolitische «Kreislaufmodell»

 

 

 

Der politische Konsens, stellt der Autor fest, hat stets einen Einfluss darauf, wie eine

 

Regierung ihre Propaganda gestaltet (Werbung oder massive Beeinflussung und Zensur). Dieser Konsens wird von den Medien mitgeprägt, die folglich im Krieg nicht mehr ihre angestammte Rolle als Kontrolleure in der demokratischen Gesellschaft einnehmen können.

 

Elter hat für diese Vernetzung folgendes «Kreislaufmodell» aufgestellt:

 

1. Die Medien transportieren in ihrer Berichterstattung mehr oder weniger kritiklos den von der Regierung vorgegebenen politischen Konsens.

 

2. Die Medien geben den Zuschauern eine Meinungsrichtung vor. Die einen sehen sich bestätigt, die andern passen sich der Meinung der Allgemeinheit an, weil es ihnen an alternativen Informationsquellen oder am Mut zu einer abweichenden Meinung fehlt.

 

3. Meinungsumfragen erhärten die Zustimmung zum nationalen Konsens und klammern aus, dass viele der Befragten nur aus gesellschaftlichem Opportunismus zustimmen.

 

4. Die Regierung fühlt sich durch die Umfrageergebnisse bestätigt und richtet ihr Handeln danach aus.

 

5. Das Handeln der Regierung wird wiederum von den Medien wahrgenommen und resultiert in entsprechender Berichterstattung. Der Kreis schliesst sich und alles beginnt wieder von vorn.

 

 

 

 

Propaganda im ersten Weltkrieg: Bilder, Karikaturen und Reden

 

Der amerikanische Präsident Wilson hielt sich 1914 -1916 aus dem Krieg heraus, bis er den Sieg seiner guten Wirtschaftspartner England und Frankreich gefährdet sah. Es galt, zunächst die öffentliche Meinung auf den Kriegseintritt der USA einzustimmen. Doch diesewar selbst am 6. April 1917, als die Amerikaner eingriffen, noch zu wenig emotionalisiert. Um einen «gerechten Zorn» zu schüren, wurde die erste Propaganda-Behörde auf Bundesebene geschaffen, das Committee on Public Information (CPI).

 

 

«Journalisten sind dem Wechsel der politischen Stimmung und dem Zeitgeist unterworfen und damit einem sozialen Zensurdruck.»

 

 

 

Das CPI finanzierte Hunderttausende Redner, Schriftsteller, Journalisten, Karikaturisten, Werbeagenten und Regierungsbeamte – praktisch die gesamte intellektuelle Elite der USA -,um ein eindringliches Feindbild zu konstruieren: die Deutschen als mordende und Jungfrauen schändende Hunnen mit Pickelhaube. Von Weltformatplakaten herab bedrohten sie die Amerikaner, 75'000 Redner stürmten in den Pausen die Kinos und verbreiteten in vier Minuten die Mär vom preussischen Gorilla, hinter dem sich eine Blutspur zieht: «Darum müssen wir kämpfen.»

 

 

 

«Hätte ich die Wahl zwischen einer Regierung ohne Zeitungen und Zeitungen ohne Regierung, so würde ich nicht zögern, die zweite Möglichkeit zu wählen.»

 

Thomas Jefferson, amerikanischer Gründervater

 

 

 

Bis zum Jahresende 1917 hatten 800 Zeitschriften gemäss Erhebung des Autors dem CPI unentgeltlich Werbefläche angeboten. Die Medien hätten damit ihren ursprünglichen Kurs der Neutralität schneller als die Bevölkerung verlassen. Ein Journalist, der negativ über den Krieg berichtete, wurde vom CPI als Vaterlandsverräter entlarvt. Die meisten Medien unterzogen sich einer freiwilligen Zensur. Obwohl die USA zunächst zögernd in den Krieg eingetreten waren, wurde der nationale Konsens durch Regierung, Presse und Militär so nachhaltig geprägt und umgekehrt, dass die Wirkung über das Ziel des CPI sogar weit hinausschoss. Der Autor zitiert dazu den Publizisten Raymond B. Fosdick: «Wir hassten die Deutschen mit einem gemeinsamen, allgemeinen Hass, der unbeschreiblich war.»

 

 

«Nation at war» – der zweite Weltkrieg: Propaganda mit Film und Radio

 

 

 

Mit der flächendeckenden Propaganda im Ersten Weltkrieg hatte die Wilson-Administration die Bedeutung des Begriffs «nationale Sicherheit» erweitert. Deshalb, meint Elter, gab es im Zweiten Weltkrieg weder bei der Bevölkerung noch den Journalisten einen grossen Widerstand gegen die Zensur. Wenn wir im Krieg sind, eine «nation at war», hat dasSicherheitsinteresse Vorrang. Echte Kriegsbegeisterung habe allerdings zuerst wieder die entsprechende Propaganda, diesmal durch das reich dotierte Office of War Information (OWI) auslösen müssen. Die Medien gingen mit der Regierung und dem Militär eine Liaison ein. Die Propagandisten hatten eine neue Vorgehensweise entdeckt: Fotos von gefallenen amerikanischen Soldaten wurden veröffentlicht mit Bildlegenden wie: «Das passiert alle drei Minuten. Soldat bleib bei der Arbeit und erledige sie, damit wir diese Bilder bald nicht mehr sehen müssen.» Die neue Taktik zeigte ein offensives Vorgehen mit den Möglichkeiten der

 

Medien und reflektierte die Überzeugung, dass die Bevölkerung den Krieg befürwortete.

 

 

 

 

«Was wir geschrieben haben, war absoluter Mist. Wir waren der Propagandaarm der Regierung. Zu Beginn gab es sanften Druck von den Zensoren, aber später waren wir unsere eigenen Zensoren Wir waren eine einzige Jubelmenge. Ich befürchte, zu der damaligen Zeit gab es keine Alternative dazu. Alles war Krieg, totaler Krieg in jedem Lebensbereich.»

 

Charles Lynch, kanadischer Kriegsberichterstatter an der Seite der US-Truppen in Europa imZweiten Weltkrieg

 

 

 

Im Zweiten Weltkrieg kamen mit Radio und Film auch die neuen «Wunderwaffen» der Propaganda zum Zug: Dem Massenmedium Radio, der „Stimme des Krieges“, stellte das OWI Sendematerial zur Verfügung, statt Beiträge zu zensieren. Die Radiosender betrachteten das OWI als neuen, partnerschaftlichen Dienstleister im Kreis der Nachrichtenagenturen. Filmpropaganda überliess die Regierung gar ganz den professionellen Regisseuren Hollywoods. Der Oscar-Preisträger John Ford organisierte 15 Kameracrews, die freiwillig ihr Leben riskierten, um Kampfszenen wie den Angriff der Japaner auf die amerikanische Militärbasis auf den Midway Inseln zu filmen und nach den klassischen Regeln der Kinodramaturgie zu schneiden. «The Battle of Midway» brachte Ford den fünften Oscar ein und das Lob eines tief bewegten Präsidenten Roosevelt, der sagte: «Ich will, dass jede Mutter in Amerika diesen Film sieht.»

 

 

 

Der Vietnamkrieg: Propaganda und Realität via Farbfernseher

 

 

 

Auch im Vietnam-Krieg habe die amerikanische Propaganda-Maschinerie ein «Bild des Bösen» gezeichnet, schreibt Elter. Da es sich aber nicht um einen globalen Konflikt, sondern nur um einen regionalen in Indochina gehandelt habe, konnten die Präsidenten Kennedy, Johnson und Nixon der Bevölkerung ihr Eingreifen von 1961 bis 1973 nur plausibel machen, indem sie die allgemeine Kommunistenangst als Propagandamittel nutzten. John F. Kennedy konnte sich 1961 aber nicht erlauben, die Medien zu zensieren, weil er Vietnam nie den Krieg erklärt, sondern nach offizieller Lesart nur Berater ins verbündete Vietnam entsandt hatte. Kennedy appellierte an die Selbstregulierung der Presse. Im Verlaufe des langen Krieges machten sich allerdings investigative Journalisten ans Werk und deckten Lügen und

 

Falschinformationen der Regierung auf. Johnson und insbesondere Nixon, der an einer Geheimhaltungsobsession litt und die Medien als Feinde betrachtete, verloren an Glaubwürdigkeit. Durch die zunehmend kritische Medienberichterstattung dehnte sich die Kontroverse um den Vietnamkrieg in der Bevölkerung aus.

 

Der Autor weist darauf hin, dass insbesondere das Fernsehen in diesem Krieg eine wichtige Rolle spielte. Es wurden Aufnahmen gezeigt, die in einer ersten Phase auf die Zuschauer ästhetisch und wie ein Abenteuerspiel an einem exotischen Schauplatz wirken mussten: Landende Truppen, im Wind kreisende Rotorenblätter von Helikoptern oder Amphibienfahrzeuge, die martialisch durch Maisfelder rollten. Es war dies eine farbige Inszenierung militärischer Überlegenheit. Im späteren Verlauf des Krieges waren am Fernsehen dann allerdings Aufnahmen zu sehen, die ein fast realistisches Bild vom Krieg zeigten – Bilder von Kriegsverbrechen, Zerstörungen, Niederlagen, mordenden Verbündeten oder flüchtenden Kleinkindern, die angeblich der Feind sein sollten.

 

 

 

 

«Nixon: „Ich würde sogar die Atombombe tatsächlich einsetzen.“

 

Kissinger: „Ich glaube, das ginge zu weit.“

 

Nixon: „Die Atombombe? Hast du etwa Angst davor?“

 

Kissinger: Unverständliches Gemurmel.

 

Nixon: „Mensch, Henry, denk doch mal in grossen Dimensionen.“»

 

Tonband-Aufnahmen aus dem Weissen Haus, freigegeben 2001

 

 

 

Weder Presse noch TV trugen, wie der Autor festhält, die Verantwortung dafür, dass der Vietnamkrieg als Niederlage für die Amerikaner in die Geschichte einging, obschon der damalige amerikanische Präsident Ronald Reagan noch in den 1980er Jahren öffentlich von «...unseren mutigen Jungs, die nicht genug Unterstützung aus der Heimat bekommen haben» sprach. Tatsächlich entstanden im Vietnamkrieg erstmals ernsthafte Spannungen im Verhältnis zwischen Medien und Regierung, die laut Elter zu einer neuen, restriktiven Pressepolitik führen sollten, die in Grenada und Panama getestet und in den Golfkriegen mit aller Konsequenz eingesetzt wurde.

 

 

 

Die Grenada-Invasion: Pressezensur durch Zugangsverweigerung

 

Die Reagan-Administration störte sich am engen Kontakt des karibischen Inselstaates Granada zu Kuba, fürchtete das Entstehen einer sozialistischen Keimzelle und nahm deshalb einen internen Machtkampf in der Regierung Grenadas zum Vorwand, am 25. Oktober 1983 anzugreifen. Die amerikanische Invasion verlief militärisch erfolgreich. Nach drei Tagen war die Insel besetzt. Völlig neu war die Pressepolitik: Das US-Militär verweigerte den amerikanischen Journalisten schlicht den Zugang zur Insel, was einer noch nie da gewesenen indirekten Zensur gleichkam. Die amerikanische Öffentlichkeit wurde über die Vorgänge in der Karibik zuerst gar nicht informiert oder nur spärlich mit Aussagen der Regierung bedacht. Diese Art der Presselenkung überspringt in Andreas Elters «meinungspolitischem Kreislaufmodell» die Medien als kritiklose Transporteure des von der Regierung vorgegebenen politischen Konsenses. Bei der Grenada-Invasion werden die Journalisten ausgeschaltet, indem die Insel für sie hermetisch abgeriegelt wird. Die

 

Regierung bringt ihre Sicht direkt an die Öffentlichkeit, damit sie unwidersprochen als

 

Leitmeinung im Fokus der öffentlichen Debatte steht. Dies wiederum – schreibt Elter – hat Auswirkungen auf die Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung, die eine Invasion befürwortet, weil keine Medien da sind, um über die Hintergründe zu berichten. Da 1983 in den USA ein Wahljahr ist, schliesst sich die Opposition der Stimmung der Bevölkerung an, um sich nicht dem Vorwurf des Anti-Patriotismus auszusetzen. Aus dieser Kombination von Ignoranz und Opportunismus entsteht ein neuer nationaler Konsens über die Parteigrenzen hinaus – Motto: «Wehe dem, der dagegen argumentiert.»

 

 

 

Panama: Zensur via «Pressepool»

 

 

Nach Grenada wurde eine Poolregelung eingeführt: Analog der Akkreditierung im Weissen Haus wurden im «Pressepool» nur von der Administration handverlesene Journalisten aufgenommen, die im Ernstfall für die Kriegsberichterstattung zugelassen wären. Elter bezeichnet es als überraschenden Umstand, dass die Medien die Poolregelung ohne grossen Widersspruch hinnahmen - wohl vorwiegend

 

aus Angst, durch einen kritischen Ansatz oder durch Ausschluss vom Geschehen Leser, Zuschauer, und Werbekunden zu verlieren.Im Panama-Konflikt, bei dem es erneut um die Sicherstellung der demokratischen Ordnung ging, wurden die Pressepools allerdings nicht rechtzeitig aktiviert und die Medien waren am 20. Dezember 1989 beim Angriff der US- Streitkräfte erneut nicht dabei. Ein Pool von zwölf Reportern aus Washington traf erst fünf Stunden nach Beginn der Kampfhandlungen in Panama ein und musste zwei weitere Tage warten, bis er einen Kriegsschauplatz zu Gesicht bekam. Begründung des Militärs: Keine Transportmittel. Wie sich nach dem Konflikt herausstellte, hatte Präsident George Bushs Verteidigungsminister Dick Cheney (später Vizepräsident von George Bush jun.) bei der Planung der Pressepolitik die Zügel in die Hand genommen und beschlossen, die Aktivierung des Pressepools zu verzögern und die Medien damit faktisch zu zensieren. Und wiederum, stellt der Autor fest, wurde die Bevölkerung unzureichend informiert. Wenn auch Grenada und Panama militärisch gesehen nur Zwischenspiele waren, dann seien sie doch Meilensteine für die Geschichte der amerikanischen Propaganda und Pressepolitik gewesen.

 

 

 

Propaganda im Fernsehzeitalter: Die Golfkriege 1991 und 2003

 

 

 

In den USA sind fast alle grossen TV-Sender kommerzielle Betriebe. Da bestehe, so Elter, die Gefahr, dass – vor allem in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen – die journalistische Qualität rein ökonomischen Interessen weichen muss. Die Sender versuchen mit möglichst geringem Aufwand einen optimalen «return on investment» einzufahren. Darin würden sie sich nicht von einem Zahnpasta-Produzenten unterscheiden. Problematisch sei aus demokratietheoretischer Perspektive nur, dass Nachrichten und Berichte über einen Krieg eine andere Ware sind als Zahnpasta.

 

 

 

«Wir denken doch immer weniger in den Kategorien Verantwortlichkeit und Integrität, sondern immer mehr nach den Massstäben Geld und Macht.»

 

Dan Rather, CBC-Moderator

 

 

 

Andreas Elter wirft auch einen Blick auf die Propagandasprache, die in den beiden

 

Golfkriegen vom Militär zwecks Verharmlosung von negativen Fakten und einer Glorifizierung positiver Ereignisse gepflegt und von den Medien unkritisch übernommen wurde. Unter eingängige Slogans waren bereits Grenada («urgent fury») und Panama («just cause») gestellt worden, für die Angriffe in den beiden Golfkriegen wurden die Begriffe «Operation Desert Storm» und «Shock and Awe» geprägt. Wie weit der «Warspeak» - in Anlehnung an die Bezeichnung «Doublespeak» aus George Orwells Roman «1984» - ging, zeigt eine Begriffsliste von 1991, die der Autor der dänischen Zeitung «Politikeen» entnommen hat.

 

 

 

Im Sprachgebrauch der US-Militärs hatten...

 

… die Alliierten: Armee, Marine, Luftwaffe – Grundregeln für Journalisten – Pressekonferenzen.

 

Die alliierten Soldaten waren…

 

… professionell – vorsichtig – voller Tapferkeit – loyal – mutig

 

 

Demgegenüber hatten die Iraker eine Kriegsmaschine – Zensur – Propaganda

 

Die irakischen Soldaten waren…

 

… einer Hirnwäsche unterzogen – feige – Kanonenfutter – blind gehorchend – fanatisch

 

 

 

So «engagierten» sich die Koalitionstruppen 1991 im Golf, statt den Feind «anzugreifen». Statt von «Bomben» war von «schwerem Geschütz» die Rede und wenn die Bomben ihr Ziel verfehlten und Zivilisten trafen, entstand «Kollateralschaden», ruft der Autor in Erinnerung.

 

 

 

Berichterstattung im Satellitenzeitalter

 

 

 

Die Berichterstattung erfolgt seit dem ersten Golfkrieg 1991 nach den Gesetzen des

 

Leitmediums Fernsehen.

 

Die Berichte sind

 

. aktuell («breaking news»)

 

Das laufende Programm wird unterbrochen, um Dringlichkeit zu implizieren und die schnelle Reaktion des Senders zu beweisen. Nachrichtenkanäle wie CNN und Fox-

 

News sind hier im Vorteil, weil sie ihre Sendungen unterbrechen können ohne – wie

 

die traditionellen Sender – Werbeeinnahmen von Kunden zu verlieren, die ihren Spot

 

zur vereinbarten Zeit sehen wollen. CNN und Fox sahnten in den Golfkriegen

 

kommerziell ab, die andern Sender hatten zwar höhere Einschaltquoten, sanken aber wirtschaftlich in den roten Bereich.

 

. schnell («instant history»)

 

Die Satellitentechnik macht Nachrichten in «real time» global verfügbar. In den Golfkriegen zeigte sich, dass es den Sendern mehr darum ging, zu zeigen was die

 

Technik hergab, Quoten zu bolzen, persönliche und wirtschaftliche Interessen zu befriedigen, als die Zuschauer zu informieren. Darunter litten Einschätzung,

 

fundiertes Kommentieren und die Überprüfbarkeit der Quellen.

 

. unanalytisch («routinization of news»)

 

Nachrichtenereignisse werden routinemässig behandelt, die Auswahl, redaktionelle

 

Bearbeitung und die Weiterverbreitung erfolgen nach dem immer gleichen Muster.

 

Als Kriterien dienen Aktualität, Gebrauchswert für den Zuschauer, Nähe zum eigenen

 

Geschehen oder die Person/Institution, die eine Nachricht in Umlauf gebracht hat.

 

. mit Agenda-Setting

 

Die «routinization of news» ist ein Teil des Agenda-Settings, also der Auswahl der

 

Themen über die ein Sender berichtet. Andreas Elter konstruiert zur Illustrierung

 

folgendes Beispiel: Ein Krieg im Sudan, der nicht auf die Agenda der Medien kommt,

 

findet im kollektiven Bewusstsein nicht statt. Kurz, worüber nicht berichtet wird, das

 

existiert nicht. Umgekehrt kann ein marginales Ereignis, wie die Scheidung eines

 

prominenten Schauspielers zum Top-Nachrichtenereignis werden, wenn diese

 

Scheidung von genügend TV-Sendern über mehrere Tage hinweg als Aufmacher

 

präsentiert wird.

 

. visualisiert («cyber war»)

 

Im Irakkrieg 2003 spielte das Internet bereits eine grosse Rolle und wird – so der Autor

 

 

 – zunehmend zur Ergänzung in Sachen «real time»–Berichterstattung der

 

Fernsehsender beitragen. Zugleich bot das Internet 2003 dem Militär einen weiteren

 

Kanal, um seine Sicht der Dinge zu verbreiten.

 

 

 

Aufgrund seiner Recherchen ortete der Autor nach dem Irakkrieg bei den amerikanischen Journalisten ein freiwilliges «mental embedding» und sieht die klassische Journalistenfunktion «sammeln, auswerten und gewichten» aufgrund der elektronischen Medien-Dominanz gefährdet. Im Kriegsfall dürften sich, so sein Fazit, die amerikanischen Journalisten auch künftighin dem Diktat von Regierung und Militär beugen, das lautet: «Was nicht sein darf, kann nicht sein.»

 

 

 

Elisabeth Weyermann

 

 

 

Andreas Elter

 

Die Kriegsverkäufer

 

Geschichte der US-Propaganda 1917 - 2005

 

edition suhrkamp 2415, 2005, 369 Seiten

 

nur noch gebraucht zu bekommen

 

 

 

Ein letztes Mal: Der Vergleich der absoluten Todesfälle – diesmal sogar über acht Jahre

 

Seit gut elf Monaten unterscheiden sich die Sterbezahlen in der Schweiz unter Corona-Bedingungen nicht gross von den Sterbezahlen in gewöhnlichen Grippe-Jahren, mal etwas mehr, mal etwas weniger. Einzige Ausnahme blieb die Phase zwischen Oktober 2020 und Mitte Februar 2021, mithin bereits in einer Zeit mit steigender Impfquote, auch und gerade bei den sogenannten Risikogruppen. Ungeprüft übernahmen die Medien, was ihnen das Bundesamt für Gesundheit täglich frei Haus an Zahlenmaterial lieferte. Am besten war bedient, wer sich gleich auf der Johns Hopkins University einklickte – hier gibt’s die Zahlen weltweit. Für die wissenschaftliche Interpretation sorgte bei uns die selbsternannte Taskforce, die mit der Trefferquote ihrer Annahmen so gut wie nie ins Schwarze traf – es hiess auch mal, man habe den «Faktor Mensch» unterschätzt. Was soll’s – Schnee von gestern. Jetzt räumt der Bundesrat die Massnahmen ab, die für die grösste Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten seit dem Zweiten Weltkrieg sorgten.

 

 

In der Schweiz mit ihren heute etwas mehr als 8,67 Millionen Einwohnern sind in den letzten sieben Jahren 478'277 Menschen gestorben, im Durchschnitt 68'325 pro Jahr. In den beiden Corona-Jahren 2020 und 2021 starben 69'819 bzw. 75'235 Menschen, also 1'500 bis 7'000 mehr als im Jahresdurchschnitt der Jahre 2015 bis 2021. Es dürfte sich dabei in etwa um jene Menschen handeln, die mit oder im Zusammenhang mit Covid 19 tatsächlich verstorben sind, genau weiss dies niemand. 

 

Die nachstehend aufgeführten absoluten Todesfälle, publiziert vom Bundesamt für Statistik, decken im 8-Jahres-Vergleich die absoluten Todesfälle in den Jahren 2015 bis 2022 ab, bezogen auf die ersten fünf Wochen des jeweiligen Jahres.

 

 

 

2022: 7’076 Todesfälle

 

2021: 8’472

 

2020: 6’941

 

2019: 6’930

 

2018: 7’390

 

2017: 8’376

 

2016: 6’602

 

2015: 7’511

 

 

 

Aufgelistet nach fünf Altersgruppen

 

0 bis 19 Jahre

 

2022: 39 Todesfälle; 2021: 49; 2020: 57; 2019: 45; 2018: 41; 2017: 40; 2016: 42 und 2015: 49.

 

20 bis 39 Jahre

 

2022: 68 Todesfälle; 2021: 72; 2020: 63; 2019: 72; 2018: 100; 2017: 83; 2016: 82 und 2015: 90.

 

40 bis 64 Jahre

 

2022: 642 Todesfälle; 2021: 753; 2020: 675; 2019: 689; 2018: 707; 2017: 719; 2016: 724 und 2015: 7’664.

 

65 bis 79 Jahre

 

2022: 1’675 Todesfälle; 2021: 1’978; 2020: 1’726; 2019: 1’670; 2018: 1’675; 2017: 1’816; 2016: 1’542 und 2015: 1’730.

 

80 Jahre und älter

 

2022: 4’652 Todesfälle; 2021: 5’620; 2020: 4’408; 2019: 4’454; 2018: 4’867; 2017: 5'718; 2016: 4’212 und 2015: 4’864.

 

CF

 

Corona: Der vollständige 7-Jahres-Vergleich

 

Seit gut zehn Monaten unterscheiden sich die Sterbezahlen in der Schweiz unter Corona-Bedingungen nicht gross von den Sterbezahlen in gewöhnlichen Grippe-Jahren. Trotzdem hält der Bundesrat, gestützt auf wissenschaftliche, in der Vergangenheit oft umstrittene Prognosen, weiter an notrechtartigen Massnahmen fest, die stark in das Gesellschafts- und Wirtschaftsleben eingreifen.

 

 

In der Schweiz mit ihren heute etwas mehr als 8,67 Millionen Einwohnern sind in den letzten sieben Jahren 478'277 Menschen gestorben, im Durchschnitt 68'325 pro Jahre. In den beiden Corona-Jahren 2020 und 2021 starben 69'819 bzw. 75'235 Menschen, also 1'500 bis 7'000 mehr als im Jahresdurchschnitt der Jahre 2015 bis 2021. Es dürfte sich dabei in etwa um jene Menschen handeln, die tatsächlich mit oder im Zusammenhang mit Covid 19  verstorben sind.  

 

Die nachstehend aufgeführten absoluten Todesfälle, publiziert vom Bundesamt für Statistik,  decken im 7-Jahres-Vergleich den Zeitraum vom 29. Dezember 2014 bis 2. Januar 2022 ab.

 

 

 

2021: 69’819 Todesfälle

 

 

 

2020: 75'235

 

 

 

2019: 67’515

 

 

 

2018: 66’888

 

 

 

2017: 66’703

 

 

 

2016: 64’649

 

 

 

2015: 67’468

 

 

 

 

 

Aufgelistet nach fünf Altersgruppen

 

0 bis 19 Jahre

 

2021: 445 Todesfälle; 2020: 506; 2019: 453; 2018: 504; 2017: 489; 2016: 470 und 2015: 543.

 

20 bis 39 Jahre

 

2021: 805 Todesfälle; 2020: 844; 2019: 786; 2018: 809; 2017: 860; 2016: 837 und 2015: 849.

 

40 bis 64 Jahre

 

2021: 7’324 Todesfälle; 2020: 7’313; 2019: 7’106; 2018: 7’452; 2017: 7’376; 2016: 7’359 und 2015: 7’664.

 

65 bis 79 Jahre

 

2021: 18’013 Todesfälle; 2020: 18’534; 2019: 17’153; 2018: 16’724; 2017: 16’627; 2016: 16’191 und 2015: 16’911.

 

80 Jahre und älter

 

2021: 43’232 Todesfälle; 2020: 48’038; 2019: 42’017; 2018: 41’399; 2017: 41’351; 2016: 39’792 und 2015: 41’501.

 

CF

 

Todesfälle: Trotz Corona bis ins Alter 65 ein ganz normales Jahr

 

Weiterhin gilt auch nach 51 Wochen: Bis ins Alter 65 ist Corona 2021, gemessen an allen Todesfällen, ein ganz normales Jahr, sogar mit tendenziell eher weniger Todesfällen als gewöhnlich. So betrachtet, hätte 2021 sogar ein Jahr mit «Untersterblichkeit» werden können.

 

 

Hier die jüngsten vom Bundesamt für Statistik publizierten und von uns seit Jahresbeginn addierten Todesfälle von Personen mit ständigem Wohnsitz in der Schweiz. Erfasst sind unabhängig von der Todesursache alle Todesfälle. Somit lassen sich gleichsam normale Jahre gut mit den Corona-geprägten Jahren 2020 und 2021 vergleichen.

 

Die nachstehend aufgeführten Todesfälle decken im 7-Jahres-Vergleich den Zeitraum vom 29. Dezember 2014 bis 26. Dezember 2021 ab.

 

2021: 67'943 Todesfälle

 

2020: 73'114

 

2019: 66'186

 

2018: 65'539

 

2017: 65'328

 

2016: 63'060

 

2015: 66'174

 

 

 

Aufgelistet nach fünf Altersgruppen

 

0 bis 19 Jahre

 

2021: 429 Todesfälle; 2020: 493; 2019: 439; 2018: 492; 2017: 481; 2016: 463 und 2015: 530.

 

20 bis 39 Jahre

 

2021: 773 Todesfälle; 2020: 830; 2019: 767; 2018: 797; 2017: 837; 2016: 820 und 2015: 839.

 

40 bis 64 Jahre

 

2021: 7’130 Todesfälle; 2020: 7’170; 2019: 6’982; 2018: 7’315; 2017: 7’226; 2016: 7’211 und 2015: 7’508.

 

65 bis 79 Jahre

 

2021: 17’514 Todesfälle; 2020: 18’021; 2019: 16’812; 2018: 16’375; 2017: 16’299; 2016: 15'795 und 2015: 16’575.

 

80 Jahre und älter

 

2021: 42’097 Todesfälle; 2020: 46’600; 2019: 41’186; 2018: 40’560; 2017: 40’485; 2016: 38’771 und 2015: 40’722.

 

CF

 

Zwei, drei, viele «Piks»

 

Rechtfertigen 1000 Todesfälle mehr als in normalen Jahren die Disziplinierung verantwortlicher Bürger und Bürgerinnen mit dem Entzug ihrer Selbstverantwortlichkeit? Hier die jüngsten vom Bundesamt für Statistik publizierten und von uns seit Jahresbeginn addierten Todesfälle von Personen mit ständigem Wohnsitz in der Schweiz. Erfasst sind unabhängig von der Todesursache alle Todesfälle. Somit lassen sich gleichsam normale Jahre gut mit den Corona-geprägten Jahren 2020 und 2021 vergleichen.

 

 

Die nachstehenden Zahlen im 7-Jahres-Vergleich decken den Zeitraum vom 29. Dezember 2014 bis 12. Dezember 2021 ab.

 

 

 

Total Todesfälle von 2015 bis 2021 (Stand 12. Dezember 2021)

 

 

 

2021: 64’716 Todesfälle

 

2020: 68’712

 

2019: 63’418

 

2018: 62’861

 

2017: 62’515

 

2016: 60’313

 

2015: 63’726

 

 

 

Aufgelistet nach fünf Altersgruppen

 

0 bis 19 Jahre

 

2021: 408 Todesfälle; 2020: 484; 2019: 419; 2018: 472; 2017: 457; 2016: 441 und 2015: 506.

 

20 bis 39 Jahre

 

2021: 727 Todesfälle; 2020: 790; 2019: 738; 2018: 773; 2017: 802; 2016: 791 und 2015: 802.

 

40 bis 64 Jahre

 

2021: 6’832 Todesfälle; 2020: 6’828; 2019: 6’684; 2018: 7’008; 2017: 6’948; 2016: 6’902 und 2015: 7’213.

 

65 bis 79 Jahre

 

2021: 16’680 Todesfälle; 2020: 17’001; 2019: 16’093; 2018: 15’735; 2017: 15’571; 2016: 15'092 und 2015: 15’905.

 

80 Jahre und älter

 

2021: 40’069 Todesfälle; 2020: 43’609; 2019: 39’484; 2018: 38’873; 2017: 38’737; 2016: 37’087 und 2015: 39’300.

 

CF

 

Bühne frei für die Virologen- und Epidemiologen-Szene

 

Quo vadis Corona? Wird’s wieder so schlimm wie letztes Jahr während der traditionellen Grippe-Saison ab Mitte Oktober, die es angeblich wegen Corona nicht gegeben hat? Gleichgeblieben ist vor allem eines: Die Virologen und Epidemiologen, die als Berufe bis 2020 kaum in Erscheinung traten, haben das Heft im öffentlichen Diskurs weiterhin unerschütterlich fest in der Hand. Lesen Sie hier, wie sich Corona auf die Zahl der absoluten Todesfälle in den einzelnen Altersgruppen niederschlägt. Auffälligste Veränderung: Die 80-Jährigen und Älteren, also die Altersgruppe mit der höchsten Impfquote, verzeichnet rund 3000 Todesfälle weniger als zum gleichen Zeitpunkt im Jahr 2020.

 

 

Zur Erinnerung: Zwar geben die absoluten Todesfallzahlen, die das Bundesamt für Statistik wöchentlich erfasst, keine genaue Auskunft darüber, wer tatsächlich mit, im Zusammenhang mit oder ohne Covid 19 verstorben ist. Aber der Vergleich der absoluten Todesfallzahlen hat 2020 die offiziell Covid 19 zugeschriebene «Übersterblichkeit» recht gut wiedergegeben.

 

Hier die jüngsten vom Bundesamt für Statistik publizierten und von uns seit Jahresbeginn addierten Todesfälle von Personen mit ständigem Wohnsitz in der Schweiz. Erfasst sind unabhängig von der Todesursache alle Todesfälle. Somit lassen sich gleichsam normale Jahre gut mit den Corona-geprägten Jahren 2020 und 2021 vergleichen.

 

Die nachstehenden Zahlen im 7-Jahres-Vergleich decken den Zeitraum vom 29. Dezember 2014 bis 28. November 2021 ab.

 

 

 

Total Todesfälle von 2015 bis 2021

 

 

 

2021: 61’244 Todesfälle

 

2020: 64’410

 

2019: 60’825

 

2018: 60’151

 

2017: 59’729

 

2016: 57’688

 

2015: 61’164

 

 

 

Aufgelistet nach fünf Altersgruppen

 

0 bis 19 Jahre

 

2021: 393 Todesfälle; 2020: 467; 2019: 406; 2018: 442; 2017: 435; 2016: 423 und 2015: 482.

 

Fazit: 2021 weist im 7-Jahres-Vergleich bei den bis 19-Jährigen bisher am wenigsten Todesfälle auf -trotz geringer Impfquote.

 

20 bis 39 Jahre

 

2021: 694 Todesfälle; 2020: 760; 2019: 713; 2018: 739; 2017: 773; 2016: 754 und 2015: 771.

 

Fazit: 2021 weist im 7-Jahres-Vergleich bei den 20- bis 39-Jährigen am wenigsten Todesfälle auf – ebenfalls trotz geringer Impfquote.

 

40 bis 64 Jahre

 

2021: 6’513 Todesfälle; 2020: 6’513; 2019: 6’410; 2018: 6’686; 2017: 6’628; 2016: 6’617 und 2015: 6’920.

 

Fazit: Im schweren Grippejahr 2015 gab es bis zu diesem Zeitpunkt rund 400 Todesfälle mehr als 2020 und 2021. Mit Ausnahme des Jahres 2019 gab es in allen Jahren seit 2015 mehr Todesfälle als 2020/2021. Daraus lässt sich schliessen, dass Corona und seine Mutanten bisher bis zu den 64-Jährigen keine aussergewöhnlichen Todesfallzahlen verursacht.

 

65 bis 79 Jahre

 

2021: 15’780 Todesfälle; 2020: 15’970; 2019: 15’421; 2018: 15’056; 2017: 14’829; 2016: 14’377 und 2015: 15’236.

 

Fazit: Die gut geimpfte Altersgruppe der 65- bis 79-Jährigen verzeichnet 2021 bisher deutlich weniger Todesfälle als im Corona-Jahr 2020. Im Vergleich mit den Corona-freien Jahren sind aber 2021 trotz hoher Impfquote deutlich mehr Todesfälle festzustellen.

 

80 Jahre und älter

 

2021: 37’864 Todesfälle; 2020: 40’700; 2019: 37’875; 2018: 37’228; 2017: 37’064; 2016: 35’517 und 2015: 37’755.

 

Fazit: In der Altersgruppe der 80-Jährigen und Älteren, die die stärkste Impfquote aufweist, unterscheiden sich die Todesfallzahlen mit Ausnahme des letzten Jahres bisher nicht gross von den Jahren ohne Corona.

 

CF

 

Corona: Die Ruhe vor dem Sturm oder bleibt’s 2021 beim Sturm im Wasserglas?

 

Während sich Virologen und Epidemiologen schon wieder mit waghalsigen Schreckensszenarien gegenseitig übertreffen, zeigt der Blick auf die wöchentliche Todesfall-Statistik bis Ende Oktober: Die Lage ist weitgehend ruhig. Einzig die Altersgruppe der gut geimpften 65- bis 79-Jährigen weicht leicht vom allgemeinen Befund ab. Womöglich spielen dabei saisonale Atemwegserkrankungen, die mit Beginn der kalten Jahreszeit häufiger auftreten, eine Rolle.

 

 

Hier die jüngsten vom Bundesamt für Statistik publizierten und von uns seit Jahresbeginn addierten Todesfälle von Personen mit ständigem Wohnsitz in der Schweiz. Erfasst sind unabhängig von der Todesursache alle Todesfälle. Somit lassen sich gleichsam normale Jahre gut mit den Corona-geprägten Jahren 2020 und 2021 vergleichen.

 

 

 

Die nachstehenden Zahlen im 7-Jahres-Vergleich decken den Zeitraum vom 29. Dezember 2014 bis 31. Oktober 2021 ab.

 

Total Todesfälle von 2015 bis 2021

 

2021: 55'393 Todesfälle

 

2020: 56’342

 

2019: 55’641

 

2018: 55’088

 

2017: 54’695

 

2016: 52’543

 

2015: 56’253

 

 

 

Aufgelistet nach fünf Altersgruppen

 

0 bis 19 Jahre

 

2021: 357 Todesfälle; 2020: 418; 2019: 383; 2018: 391; 2017: 385; 2016: 402 und 2015: 431.

 

20 bis 39 Jahre

 

2021: 646 Todesfälle; 2020: 711; 2019: 657; 2018: 677; 2017: 703; 2016: 693 und 2015: 705.

 

40 bis 64 Jahre

 

2021: 5'910 Todesfälle; 2020: 5'893; 2019: 5'878; 2018: 6'119; 2017: 6'018; 2016: 6'044 und 2015: 6'327.

 

65 bis 79 Jahre

 

2021: 14'346 Todesfälle; 2020: 14'043; 2019: 14'061; 2018: 13'754; 2017: 13'574; 2016: 13'129 und 2015: 13'997.

 

80 Jahre und älter

 

2021: 34'134 Todesfälle; 2020: 35'277; 2019: 34'662; 2018: 34'147; 2017: 34'015; 2016: 32'275 und 2015: 34'793.

 

Nachtrag:

 

Unter der rasch steigenden Zahl von Corona-Toten in Bayern ist ein vergleichsweise hoher Anteil vollständig Geimpfter. Nach Daten des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittel (LGL) lag die Quote in den vier Wochen vom 4. bis 31. Oktober bei knapp 30 Prozent. 108 der insgesamt gezählten 372 Todesopfer hatten beide Impfungen erhalten, wie die Erlanger Behörde auf dpa-Anfrage mitteilte. In der ersten Novemberwoche war der Anteil mit gut 26 Prozent etwas niedriger – 23 der 88 Corona-Toten hatten da beide Impfungen erhalten. (dpa)

CF

 


 

Hugo Fasel: "Unser soziales Engagement ist nicht dazu da, unserem eigenen Wohlbefinden zu dienen."

faktuell.ch im Gespräch mit Hugo Fasel, Direktor der Caritas Schweiz

Hugo Fasel

faktuell.ch: Herr Fasel, die Caritas steht in Konkurrenz zu den anderen Flüchtlingshilfswerken, mit denen sie zusammen den Dachverband «Schweizerische Flüchtlingshilfe» (SFH) bilden, und unzähligen privaten Anbietern. Wie kommen Sie an ihre Aufträge?

 

Hugo Fasel: Zum Funktionieren der Hilfswerke gibt es viele Klischees. Sie funktionieren aber sehr unterschiedlich. Unser Gesamtbudget von 120 Millionen Franken teilt sich auf in drei Säulen. Die erste Säule, die Spenden, sind ein normaler Wettbewerbsmarkt, bei dem auch jedes Jahr zusätzliche ausländische Organisationen mitmischen. In der zweiten Säule schreiben der Bund und die Kantone sämtliche Aufträge aus. Es handelt sich also um Akquise in einer normalen Wettbewerbssituation. Die dritte Säule ist international. Wir beschaffen Mittel bei der EU und den Aussenministerien von Norwegen, Schweden, Luxemburg, USA etc. Wenn wir beispielsweise in Syrien Projekte realisieren, dann auch aufgrund von Ausschreibungen. Da müssen wir uns konkurrenzfähig zeigen und durch unsere Qualität und Verlässlichkeit überzeugen. Auch durch schweizerische Genauigkeit.

 

faktuell.ch: Das Staatssekretariat für Migration (SEM) setzt für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene in den ersten fünf bis sieben Jahren rund zwei Milliarden Franken ein. Ein Teil davon geht an die Hilfswerke. Das kann lukrativ sein…

 

Hugo Fasel: … von diesen ungefähr zwei Milliarden Franken des SEM erhalten die Hilfswerke nur wenig. Die gesamte Rechtsberatung, die jetzt ausgeschrieben ist, macht in der ganzen Schweiz nur etwa 20 Millionen Franken aus. Bei den rückläufigen Flüchtlingszahlen wird der Betrag sogar wesentlich darunter liegen. Gemessen an den zwei Milliarden also ganz marginal. Geld erhalten wir noch bei den Unterkünften. Aber da arbeiten wir auch mit Freiwilligen, die zum Tarif Null mithelfen.

 

faktuell.ch: Asylsuchende können sich das Hilfswerk aussuchen, das sie beraten soll…

 

Hugo Fasel: …das stimmt so nicht. Wenn ein Asylsuchender in ein Zentrum kommt, dann ist er mit dem Auftragnehmer konfrontiert, den das SEM ausgewählt hat. Das SEM kontrolliert die Qualität und schreibt zirka alle drei Jahre wieder aus. Dadurch kann der Standard regelmässig überprüft werden.

 

faktuell.ch: Wie setzen sich denn die zwei Milliarden der SEM-Gelder konkret zusammen?

 

Hugo Fasel: Aus Sozialhilfe und normaler Lebensunterstützung für Asylsuchende. Aber die Gelder für Betreuung und Rechtsberatung sind wie gesagt marginal.

 

faktuell.ch: Angesichts der rückläufigen Asylgesuche könnten Sie gezwungen sein, einige Ihrer 350 Mitarbeitenden zu entlassen.

 

Hugo Fasel: Um ein Asylzentrum zu führen, braucht man nur einen Hauswart und zwei, drei andere Angestellte für die Aufsicht. Die Asylbewerber sind selbständige Leute. Integrationsmassnahmen gehören nicht zu unseren Aufgaben. Aber wenn die Flüchtlingszahlen zurückgehen, ist es tatsächlich so, dass wir Leute abbauen müssen. Der Kanton Schwyz hat uns im Juni 2018 mitgeteilt, dass durch den Rückgang, auch von unbegleiteten Minderjährigen (UMA), das Haus der Jugend in Immensee schliessen muss. Das bedeutet 16 Kündigungen.

 

faktuell.ch:  Nebst anerkannten Hilfswerken gibt es längst auch Private wie die international tätige ORS, die am Verteilungskampf um Hilfsgelder teilhaben. Damit ihre Gewinne auch bei rückläufigen Asylzahlen nicht einbrechen, bieten sie vermehrt Coaching statt einfache Betreuung an, um die Leute in den Arbeitsmarkt zu bringen. Wäre eine solche Erweiterung der Angebotspalette auch für Sie als Chef eines grossen Hilfswerks ein interessanter Markt?

 

Hugo Fasel: Wissen Sie, es gibt Fragen, die ich gar nicht beantworte. Wenn ich eine Kritik äussere, wird das als Neid interpretiert. In einer Branche kommentiert man die Mitbewerber nicht. Jeder hat sein Konzept und lässt dem andern das seine. Die Auftraggeber müssen die Qualität beurteilen. Das sind die Kantone, teilweise die Gemeinden, teilweise das SEM. Wenn es eine Ausschreibung gibt und ich will in Luzern ein Zentrum führen, aber beispielsweise eine ORS den Auftrag erhält, dann hat sie den vorgegebenen Bedingungen besser entsprochen.

 

faktuell.ch:  Sie nehmen das sportlich.

 

Hugo Fasel: Kommt ein anderes Hilfswerk zum Zug, müssen wir uns überlegen weshalb. Haben wir zu viel gewollt? Gehen wir bewusst nicht unter einen bestimmten Standard und akzeptieren, dass ein anderer Anbieter bereit ist, zu einem bescheideneren Standard zu arbeiten? Wir haben unsere Massstäbe und Werte. Nach diesen entscheiden wir.

 

faktuell.ch: In der Flüchtlingshilfe wirken nicht wenige mit, die zuweilen – Stichworte kriminelle Schlepper, illegale Einreisen – etwas naiv erscheinen. Wie sieht diesbezüglich das Psychogramm von Leuten aus, die bei der Caritas arbeiten?

 

Hugo Fasel: Es ist für mich schwierig, diese Frage korrekt und nicht verletzend zu beantworten. Aber wenn sie sich unsere Strategie 2020 ansehen – eine kleine Broschüre und nicht mehr hundert Seiten wie bei meinem Amtsantritt – dann heisst es da «Unternehmensstrategie» und nicht «Hilfswerk». Und was steht im Zentrum der Strategie? «Wettbewerbsfähigkeit»…

 

faktuell.ch: …wofür andere Hilfswerke Caritas als «neoliberal» gescholten haben.

 

Hugo Fasel: Es geht bei uns um ein Engagement für Solidarität und Gerechtigkeit. Und unser soziales Engagement ist für Menschen bestimmt, die gegenwärtig nicht allein zurechtkommen, aus welchen Gründen auch immer. Aber es ist nicht dazu da, unserem eigenen Wohlbefinden zu dienen. Wir haben hier eine harte Linie eingerichtet. Bei uns gilt Effizienz und wer hier eine Führungsfunktion hat, muss unternehmerisch denken. Wir haben eben eine Woche Schulung hinter uns – in Rechnungswesen. Es kann bei uns keiner mehr ein Projekt machen und sagen, es ist jetzt halt mit dem Budget nicht ganz aufgegangen. Es geht auch um Verbindlichkeiten. Ein Termin ist ein Termin. Wenn wir eine Ausschreibung gewinnen wollen, dann muss man halt mal die Ferien verschieben. Eine andere Verhaltensweise geht nicht mehr.

 

faktuell.ch: Klingt in der Tat schon etwas «neoliberal», jedenfalls nicht nach «Kuschelkultur».

 

Hugo Fasel: Eine Aufgabe wie die der Caritas erfordert heute unternehmerische Kompetenz. Wir haben ein hohes Ziel, ein solidarisches Ziel und ein Ziel das besagt, dass ich für den andern etwas tun will. Dafür braucht es Effizienz.

 

faktuell.ch: Im Leitbild der Caritas steht, dass sich das Hilfswerk auf die Seite der Armutsbetroffenen weltweit stellt…

 

Hugo Fasel: …ja, aber wie wir das tun hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert, ebenso wie die Anforderungen. Das wird auch dazu führen, dass in den nächsten Jahrzehnten einige Organisationen verschwinden. Die können im veränderten Umfeld nicht überleben.

 

faktuell.ch:  Die Spendierfreudigkeit in der Schweiz offenbar da und dort rückläufig.  

 

Hugo Fasel: Bei uns ist das Gegenteil der Fall. Die Spenden steigen kontinuierlich. In der Strategieplanung 2020 sind wir von 28 Millionen Franken Spenden im 2017 ausgegangen. Es waren aber tatsächlich 34 Millionen. Die Leute schätzen, dass wir Positionen beziehen und nicht nur einen technokratischen Ansatz haben. Wir verwalten Armut nicht einfach, wir beschränken uns nicht auf Projektarbeiten. Damit will ich Projekte nicht disqualifizieren. Aber wir wollen beides. Die Caritas hat sowohl einen projektbezogenen wie auch einen politischen Ansatz.

 

faktuell.ch: Was heisst das konkret?

 

Hugo Fasel: Die Armut hat Ursachen. Deshalb haben wir eine Forschungsabteilung im Haus. Das haben nicht viele Hilfswerke. Mit unserer Forschung, die wir Grundlagen nennen, beziehen wir Positionen. Wir reden über die Ursachen der Armut im Inland, wir fordern Ergänzungsleitungen für Familien. Wir reden über die Gründe, weshalb ein Land wie Kongo nicht vom Fleck kommt. Nämlich weil alle versuchen, über Sonderbeziehungen und Bestechungen an die Rohstoffe ranzukommen.  

 

faktuell.ch:  Auch die Entwicklungszusammenarbeit wird dafür kritisiert, dass sie   menschenunwürdige Verhältnisse festigt, indem sie eine korrupte Oligarchie und skrupellose dubiose Firmen bedient. Wie sehen Sie das?

 

Hugo Fasel: Es ist einfach zu sagen, dass die Bevölkerung die Sache selber in die Hand nehmen sollte. Die Bevölkerung im Kongo möchte ihre Regierung längst loswerden, aber solche Diktaturen werden immer wieder gestützt. Das ist ausgeprägt in jenen Ländern der Fall, die Rohstoffe haben. Diese Länder können sich fast nicht entwickeln, weil sie in Auseinandersetzungen um die Rohstoffe mit Grossmächten oder regionalen Mächten gelangen. Ein afrikanisches Land ohne Rohstoffe hätte mehr Chancen für die Entwicklung. Diese Missverhältnisse spricht Caritas an.

 

faktuell.ch: Die Kritik an der Art und Weise der Entwicklungszusammenarbeit ist in den letzten Jahren lauter geworden und wird inzwischen auch in Kreisen diskutiert, die vor nicht allzu langer Zeit jede Änderung strikt abgelehnt haben.

 

Hugo Fasel: Darüber bin ich sehr froh. Denn damit kommt die Sprache auch auf die Umstände und die politischen Zusammenhänge. Nehmen wir die USA. Sie subventionieren ihre Agrarprodukte dermassen, dass sie in einem beliebigen Land praktisch gratis auf den Markt kommen. Dort bleibt kein einziger Bauer wettbewerbsfähig. Und wir selber schützen unseren Markt gegen die EU. Die Diskussion über die richtige Entwicklungszusammenarbeit ist mir darum höchst willkommen.

 

faktuell.ch: Sie bekommen jetzt Unterstützung von Ignazio Cassis, dem neuen Bundesrat und Aussenminister. Er will in seiner Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die Schraube anziehen.

 

Hugo Fasel: Ich bin hellhörig und auch sehr interessiert, was Bundesrat Cassis vorhat. Bisher hat er nur die Migration erwähnt. Man kann sich immer fragen, worauf man sich konzentrieren will. Etwa in Libyen Asylzentren zu führen, damit die Leute nicht über den Teich kommen. In welchen Ländern die Schweiz künftig noch präsent sein wird, entscheidet allerdings nicht Aussenminister Cassis, sondern der Entwicklungsausschuss der OECD.

 

faktuell.ch: Sie waren in Ihrer Zeit als Nationalrat Präsident der entwicklungspolitischen Kommission der Grossen Kammer. Schon damals wurde die geographische und thematische Fokussierung der Entwicklungszusammenarbeit thematisiert. Weshalb kommt keine Strategie zustande?

 

Hugo Fasel: Das hat verschiedene Ursachen. Das Parlament sieht zuerst Fokussierung, also ein Ziel, auf das es sich konzentrieren will. Dann kommen die einzelnen parlamentarischen Vorstösse. Jeder hat eine unterschiedliche Erwartung an die DEZA. Plötzlich sind die Eritreer das Problem. Also gibt es Vorstösse im Parlament und jetzt muss die DEZA rasch 20 oder 50 Millionen nach Eritrea verschieben. Weil im Parlament immer wieder solche Interventionen Erfolg haben, lösen sich Strategien auf. Umgekehrt darf man ruhig festhalten, dass auch die DEZA sich konsequenter fokussieren müsste. Das ist eine Führungsaufgabe. Gemessen am Resultat braucht es mehr Führung und Fokussierung. Und Bundesrat Cassis hat bisher nur gesagt, was er nicht will. Wie gesagt: Ich bin gespannt, wo der neue Bundesrat die Akzente setzen will. Ich bin sehr gespannt.

 

faktuell.ch: Hilfswerken wird – auch das ist Teil der Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit – neuerdings vorgeworfen, dass sie in Afrika exorbitante Löhne und Zulagen bezahlen und ihre Mitarbeiter teure Geländewagen fahren. Was sagen Sie dazu?

 

Hugo Fasel: Die Kritik ist nicht einfach falsch. Es gibt hin und wieder schon ein Auftreten, das auch mich stört. Der Anstand erfordert aber, dass man bereit ist, eine Differenzierung vorzunehmen. Wer fährt jetzt mit solchen ‘Kisten’ herum und wer nicht? Heute kann jeder etwas behaupten und kommt damit durch, weil der Wissenstand der Öffentlichkeit so tief ist. Nur eine breite Debatte schafft Wissen.

 

faktuell.ch: Gut ausgebildete Einheimische arbeiten vor Ort gerne für Hilfswerke. Sie stehen damit aber der einheimischen Verwaltung und Wirtschaft nicht mehr zur Verfügung, wo sie – Stichwort Korruptionsbekämpfung – besonders gebraucht würden. Wie beurteilen Sie diese Einschätzung?

 

Hugo Fasel: Diese Überlegung ist sehr ambivalent. Wenn ein bestens gebildeter Tschader bei der Caritas einen Arbeitsplatz erhält, dann bleibt er im Tschad. Gleichzeitig beobachten wir, dass die ganzen Nordländer systematisch Bestqualifizierte absaugen und nach Europa bringen. Dann stellt sich die Frage, wer welche Löhne bezahlt. Caritas orientiert sich an den Löhnen, die vor Ort bezahlt werden. Das kann natürlich jeder sagen, aber ich kann es unterlegen. Die Caritas hat ein internationales Netz. Es gibt in jedem Land eine Caritas. Es gibt eine Caritas Nepal, es gibt eine Caritas Bangladesch, mit der wir jetzt ein Projekt Rohingya machen. Wir stellen der Caritas Bangladesch die Mittel zur Verfügung und klären mit ihr ab, was wir für die Rohingyas tun können. Entlöhnt werden die Mitarbeitenden der dortigen Caritas gemäss Lohnsystem in Bangladesch.

 

faktuell.ch:  Die Migration ist ein globales Geschäftsmodell. Die Weltbank schätzt, dass 2017 allein aus der Schweiz 25 Milliarden Dollar ins Ausland abgeflossen sind – Tendenz: Volumen steigend. Für gewisse Länder sind dies Rücküberweissungen, resp. Remissen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Auch eine Art Entwicklungshilfe?

 

Hugo Fasel: Das ist so. Aber das ist normal. In einem Land wie Nepal stammt ein ganz grosser Teil der Einnahmen der Bevölkerung tatsächlich von jungen Nepalesen, die unter schwierigen Bedingungen im Ausland arbeiten. Beim Wiederaufbau von Schulhäusern in Nepal hatten wir beispielsweise Leute, die in Katar Bauarbeiten geleitet hatten.

 

faktuell.ch: Das ist also keine besondere Leistung der Schweiz oder Europas…

 

Hugo Fasel: … nein und die Remissen sind wichtige Einnahmen für diese Bevölkerungen. In Tadschikistan haben wir ein Projekt gemacht mit Remissen. Die jungen Männer arbeiten in Russland und schicken Geld nachhause. Wir haben Gruppen gebildet von Familien, meistens Frauen, und ihnen empfohlen, das Geld das ihnen der Mann schickt, nicht einfach auszugeben, sondern einen Teil davon zusammenzulegen und gemeinsam zu investieren. Wir haben den Gruppen erklärt, dass sie fast genossenschaftlich etwas Gemeinsames unternehmen können wie eine Milchverarbeitung zu erstellen. Das ist Entwicklung. Die Frage, was man mit den Remissen politisch auslösen kann, ist sehr interessant.

 

faktuell.ch: Was ist denn Ihre ideale Vorstellung von Entwicklungszusammenarbeit?

 

Hugo Fasel: Ich bin ein Verfechter der kleinkörnigen Entwicklungszusammenarbeit. Projekte müssen nicht gross sein, sondern über eine längere Zeit hinweg betrieben werden, mit jährlich ein bis drei Millionen Franken. Das sind immer noch signifikante Beträge. Aber die Projekte müssen regional eingebunden und übersichtlich sein. Diese Kleinkörnigkeit ist präzis, da Resultat lässt sich auswerten. Das ist kein Streusand.

 

faktuell.ch: Stichwort ‘Effizienz’...

 

Hugo Fasel: …wer Gelder entgegennimmt, steht in der Pflicht, sich anzustrengen, damit möglichst viel davon bei den Bedürftigen ankommt. Die Unterschiede bei den administrativen Kosten der Hilfswerke sind enorm. Bei der Caritas liegen sie bei rund 10 Prozent.  Der Median ist über 20 Prozent. Die Hälfte der Hilfswerke haben also höhere und die andere Hälfte tiefere administrative Kosten. Gewisse Hilfswerke bringen es auf über 40 Prozent. Das muss öffentlich diskutiert werden, damit die Spender wissen, wem sie ihr Geld geben. Wir können als Hilfswerk grundsätzlich nur profitieren von einer engagierten und kritischen Diskussion.

 

faktuell.ch:  Sie haben gesagt, dass die Projekte messbar sein sollten. In Nepal hat die Caritas letztes Jahr über 3000 Leute für Hygiene- und Gesundheitsfragen sensibilisiert. Wie lässt sich der Erfolg dieser Aktion messen?

 

Hugo Fasel: Alle schreien gegenwärtig nach Messung. Das führt in gewissen Jahresbericht zu absurden Aussagen wie dieser:  «Wir haben 86'437 Menschen geholfen.» Das zeigt, dass ein Pseudovorgehen mit Pseudogenauigkeit gewählt wurde. Die Wirkungsmessung. Da hört man nur «Messung». Aber die Wirkungsmessung beginnt mit der Analyse: Worin besteht das Problem?

 

faktuell.ch: Wie beispielsweise…

 

Hugo Fasel: … wenn ich sehe, dass in einer Region Kinder häufiger krank sind als in einer anderen Region, dann leiste ich zu Beginn Denkarbeit und suche nach den möglichen Ursachen. Sind sie schlechter ernährt, gibt es keine Toiletten, ist das Wasser weniger sauber, haben sie zwar Wasser, aber waschen sich die Hände nie? Die grossen gesundheitlichen Fortschritte in der Schweiz kamen im 19. Jahrhundert über die Hygiene. Mit der Hygiene kam die grösste Erhöhung der Lebenserwartung. Wenn ich mir das Hygieneverhalten in einer Region systematisch ansehe und die Einwohner sensibilisiere, dann sind die Resultate sichtbar. Die Kleinkörnigkeit schafft die Übersicht. Wie häufig fehlen die Kinder jetzt in der Schule, wie viele Leute gehen mit Durchfall und andern Krankheiten in die Gesundheitszentren? Nehmen die Zahlen ab? Sensibilisierung ist a priori schwierig zu messen. Wir müssen gleich zu Beginn überlegen, wie wir die Änderungen erfassen...

 

faktuell.ch: … und wie lang es womöglich geht, bis sich etwas tatsächlich messen lässt?

 

Hugo Fasel: Als die Schweiz begann, sich mit der Gleichberechtigung der Geschlechter zu befassen, arbeitete man nur mit weichen Faktoren. Dann gab es ein Gleichstellungsgesetz. Das erlaubte den Frauen, selber zu entscheiden, ob sie eine Erwerbstätigkeit wollten, um nicht vom Ehemann abhängig zu sein. Das sind alles weiche Faktoren, die auch in der Schweiz über mindestens eine Generation zählten. Dort sollte man die Messung nicht überstrapazieren, sondern sich eingestehen, dass ein Veränd